geführte experimenta können davon zeugen. Die Experimentalphyſik und die Botanik können außer den mediziniſchen Vorleſungen den Herrn Profeſſor Müller genug beſchäftigen und dazu bekommt er 40 fl. aus dem fisco academico. Wenn es wahr iſt, daß der Herr Profeſſor Müller bei Leſung der Chymie, ohne Beihilfe, noch Geld übrig behalten hat, ſo kann er dies auch in Zukunft thun. Den Herrn Studioſis, welche ſich in Kameralwiſſenſchaft üben wollen, möchte es auch mehr um die doki⸗ maſtiſche, als um pharmaceutiſche Chemie zu thun ſein. Mich wundert, daß der Herr Dekanus nicht auch die Teilung des zu der Anatomie zu liefernden Holzes und der 40 fl., die an den Herrn Profeſſor Müller gegeben werden, vorgeſchlagen hat.“(9. Juli 1783. Dr. Baumer.)
Gern mag man zugeben, daß Baumer redlich das Seinige gethan hat; es mag aber auch die Möglichkeit ins Auge gefaßt werden, daß Müller in ſich einen Hauch jenes Geiſtes geſpürt hat, der die chemiſchen Anſchauungen damals von Grund aus umzugeſtalten begann, als Scheele mit wunderbarer Beobachtungsgabe ausgerüſtet bei ſeiner berühmten Unterſuchung der magnesia nigra(Braunſtein) ſowohl den Sauerſtoff als das Chlor entdeckte, als Black und Cavendiſh die fixe Luft(Kohlen⸗ ſäure) und Waſſerſtoffgas als eigenartige von der Luft ganz verſchiedene Gaſe erkannt hatten, als Scheele und Prieſtley die Frage: Iſt die atmoſphäriſche Luft ein einfacher oder zuſammengeſetzter Körper und welches ſind ihre Beſtand⸗ oder Gemengteile? endgiltig beantwortet hatten; als hierdurch von jenen entſchiedenen Anhängern der Phlogiſtontheorie die ſogenannte pneumatiſche Chemie ausgebildet wurde, welche dem Phyſiker Lavoiſier alle jene Stoffe und Thatſachen lieferten, um mit Beihilfe ſeiner phyſikaliſchen Methoden die Phlogiſtontheorie endgiltig zu beſeitigen. Wenn auch im Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ſelbſt Lavoiſier mit dem Phlogiſton noch nicht ſo weit gekommen war, ſo fiel in jenen Jahren doch die große Entſcheidung, aus welcher der Deutſchfranzoſe Würtz die Be⸗ rechtigung glaubte entnehmen zu ſollen, die Chemie für eine franzöſiſche Wiſſenſchaft zu erklären, aus welcher ferner der große Prioritätskampf entbrannte, den man füglich den engliſch⸗franzöſiſchen Krieg nennen könnte, den man durch den, in eingehender Weiſe mehrfach begründeten Schiedsſpruch Her⸗ mann Kopps geſchlichtet glaubte und der neuerdings als der Streit Thorpe—Berthelot in Folge der nicht zu beſeitigenden franzöſiſchen Eitelkeit wieder aufgelebt iſt ¹z). Von all dem, was damals ſchon ſeit über einem Decennium bekannt war, findet ſich in dem hier in Gießen gedruckten Werke Baumers „fundamenta chemiae theoretico-practicae posita a. D. Jo. Wilh. Baumer, Serenissimi Hassiae Landgravii a consiliis rerum metall. in acad. Giessena medic. prof. prim. historiae natural. et chemiae ord., Giessae apud Kriegerum 1783“ gar nichts. Baumer war ein unglaublich fruchtbarer Schriftſteller auf dem Gebiete der geſamten Medizin, der Mineralogie und der Chemie. In dem eben genannten Lehrbuche iſt er ſelbſtverſtändlich ein Anhänger der Phlogiſtontheorie, und er ſtützt ſich in ſeinen Darlegungen, Behauptungen und Experimenten auf Becher, Stahl, Boerhave, Kunkel, Wentzel u. a., bezüglich des arbor Dianae(Silberbaumes) zitiert er neben einer Schrift von Conr. Hieron. Senckenberg über Metallvegetationen eine hier gedruckte Diſſertation des Joh. Thomas Henſing, de germinatione metallica artificiali, Giessae 1718. In demſelben Werke beſchreibt Baumer auf Seite 81—87 die instrumenta chemica activa und zwar ignis, aör und aqua; auf Seite 87— 96 die instrumenta passiva, worunter er das Laboratorium mit den Herden verſteht. Hiervon giebt er eine Beſchreibung, die auf alle Fälle mit jener Wirklichkeit nicht übereinſtimmt, in
¹) Sehr fein urteilt hierüber Liebig in ſeinen hinterlaſſenen Aufzeichnungen und ſagt am Schluß des hierauf bezüglichen Paſſus:„... und was in den Pariſer Vorträgen in den Thatſachen als neu und wie ohne Anfang dargeſtellt wurde, erſchien mir in der engſten Beziehung zu vorangegangenen Thatſachen, ſo zwar, daß, wenn die letzteren hinweggedacht wurden, die andern nicht ſein konnten.“


