Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte des chemischen Unterrichtes an der Universität Gießen : mit einem Plan / von G. Weihrich, Direktor des Großherzoglichen Realgymnasium und der Realschule in Gießen
Entstehung
[Giessen] [2018]
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ſeltene Glück genoß, in Büttners Laboratorium zu arbeiten. Müller hatte in Gießen, wo er um Michaelis 1779 eintraf, Naturlehre, Chemie, allgemeine Naturgeſchichte, Mineralogie, Botanik und ſchließlich die meiſten Teile der theoretiſchen und praktiſchen Medizin und Chirurgie zu lehren. Zugleich war er Aufſeher des botaniſchen Gartens. Für Demonſtrationszwecke im botaniſchen und phyſikaliſchen Unterricht waren ihm je 20 fl., im ganzen alſo 40 fl. zugebilligÄt. Es mag hier vorgreifend eine Parallele gezogen werden, auf welche ſpäter zurückgegriffen werden kann, wie die ſtillen Kreiſe eines älteren Lehrers durch den Eintritt eines ſtrebſamen und deshalb etwas ſtürmiſchen jungen Kollegen, freilich jetzt nicht in ſolchem Maße wie ſpäter, heftig geſtört werden. Müller war, wie geſagt, 24 Jahre und Baumer bereits 67 Jahre alt. Mit Rückſicht auf das Geſagte und zur Beleuchtung der damaligen Verhältniſſe mag nach den Akten ein bezeichnendes Ereignis erzählt werden. Dem landgräflichen Dekrete vom 23. April folgt unter dem 28. April 1777 ein Befehlſchreiben, in dem der Ausbau und die Ein⸗ richtung eines kleinen Häuschens im botaniſchen Garten zu einem Laboratorium angeordnet wird; nähere Beſtimmungen hierüber folgen noch einmal in einem Reſkript vom 31. Oktober desſelben Jahres. Aus Andeutungen an verſchiedenen Stellen der Akten darf gefolgert werden, daß der damalige Amts⸗ keller, dem die Verwaltung liegender Güter des Staates und u. a. auch der Türme und Wälle der Feſtung zuſtand, jenen Anordnungen einen erfolgreichen Widerſtand entgegengeſetzt hat und daß die Univerſität mit jenem Manne ſehr rechnen mußte, jedenfalls ihn nicht als Freund betrachten konnte. Vielleicht darf dieſes Verhalten des Amtskellers darauf zurückgeführt werden, daß zu jener Zeit das vorher unbedingte Vertrauen, das der Fürſt ſeinem Miniſter früher ſchenkte, ſchon wankend geworden war und daß Moſer jetzt ſchon nicht mehr mit jener rückſichtsloſen Thatkraft, wie früher den paſſiven Widerſtand, den die Beamten vielfach ſeinen Maßregeln entgegenſetzten, niederwerfen konnte. Thatſache iſt, daß ſechs Jahre nach dem Erlaß jener landgräflichen Schreiben endlich mit der Einrichtung jenes Gartenhäuschens zu einem Laboratorium Ernſt gemacht wurde. Das beſagte Häuschen ſtand vorn im botaniſchen Garten, unweit der heutigen Gärtnerwohnung; es enthielt nur einen einzigen Raum, in dem zugleich die Vorleſung gehalten und laboriert werden mußte. Der zugeſicherte Ausbau beſchränkte ſich auf den Erſatz verfaulten Holzwerks, der Errichtung eines chemiſchen Herdes und der Beſchaffung einiger Möbel, wie Tiſch und Schränkchen. Als die Angelegenheit nahe vor der Ausführung ſtand, ſtellte Profeſſor Müller an die Univerſität die Bitte,ihm einen Teil des zu chemiſchen Verſuchen beſtimmten Geldes und der Kohlen zuzuweiſen und zugleich ihm die Aufſicht über das chemiſche Laboratorium zu übertragen. An den hierüber entſtandenen langen ſchriftlichen Verhandlungen beteiligt ſich Baumer anfangs recht gelaſſen; er erklärt, daß ſeine Experimente weit mehr Geld verſchlingen, als er hierfür vergütet erhalte und daß er bei dem geringen numero auditorum beträchtlich zulegen müſſe. Er weiſt ferner darauf hin, daß Müller ja 40 fl. für phyſikaliſche und botaniſche Demonſtrationen erhalte. Müller erwidert, das Letztere ſei richtig; er könne aber auch nachweiſen, daß er aus eigner Taſche die anſehnliche Summe von nahe 1000 fl. während ſeines Hierſeins für phyſikaliſche Inſtrumente aus⸗ gegeben habe.

Nun macht der Dekan der mediziniſchen Fakultät, der Profeſſor der Anatomie Dietz den unglücklichen Vorſchlag, die Herren Baumer und Müller möchten ein über das andere Jahr die Chemie vortragen, dann könnten die in Frage ſtehenden Emolumente abwechſelnd dem einen und dem andern zugewieſen werden. Daraufhin hört Baumer auf, gemütlich zu bleiben; er fertigt die lange Schreiberei mit einem Schlag durch den Hinweis auf ſein Anſtellungsdekret ab,in welchem ihm ohne ſein Zuthun und Bitte jene Emolumente zugewieſen ſeien. Er fährt dann grimmig fort:Ich glaube, daß ich in der Experimental⸗Chymie das Meinige redlich gethan habe und mehrere nur in meiner Chymie an⸗