Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte des chemischen Unterrichtes an der Universität Gießen : mit einem Plan / von G. Weihrich, Direktor des Großherzoglichen Realgymnasium und der Realschule in Gießen
Entstehung
[Giessen] [2018]
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Amtes. Einiges zur Beantwortung dieſer Fragen hat ſchon der Herr Geheime Hofrat H. Hoffmann in ſeiner Rektoratsrede, Gießen 1866 gegeben. Ich erlaube mir im folgenden das dort Geſagte nach Vermögen zu ergänzen und zu erweitern. Ich glaube damit einige kleine Beiträge nicht nur zur Geſchichte der Univerſität und des chemiſchen Unterrichtes an ſich, ſondern auch manches für die Kulturgeſchichte im allgemeinen Intereſſante zu liefern. Nur wenn man erkannt hat, was ſchon Gegenſtand der Kämpfe und Sorgen der Vorgänger war, wenn man wahrgenommen hat, daß die Schwierigkeiten, die zu überwinden waren, weniger in den Perſonen als vielmehr in der Sache ſelbſt, in den herrſchenden Anſchauungen, in den finanziellen und politiſchen Verhältniſſen liegen, nur in dieſem Falle kann man gerecht urteilen und das An⸗ denken des großen Lehrers dieſer Hochſchule, deſſen Vorname Juſtus und deſſen weſentliche Charakter⸗ eigenſchaft bei ſeinen vielen Kämpfen Gerechtigkeit ſtets geweſen iſt, am meiſten ehren.

Ich erfülle noch eine angenehme Pflicht, wenn ich des derzeitigen Rektors Magnificenz, Herrn Dr. theol. Gottſchick, für die gütigſt erteilte Erlaubnis zur Benützung des Aktenmateriales, dem Dekan der philoſophiſchen Fakultät im Jahre 1890, Herrn Profeſſor Dr. Naumann für die freund⸗ lichſt geſtattete Einſicht in die Fakultätsakten, ſowie endlich dem Herrn Univerſitätsſekretär Schäffer für die bereitwillige Unterſtützung aus dem Univerſitäts⸗Archiv den wärmſten Dank ſage.

1. Baumer.

Bekanntlich war der Landgraf Ludwig IX., der in Pirmaſens ein einfaches, hartes Soldaten⸗ leben führte, eifrig bemüht, die ihm bei ſeinem Regierungsantritte in großer Zerrüttung überlieferten Finanzen wieder in Ordnung zu bringen und die wirtſchaftliche Lage des Landes zu verbeſſern. Der zu dieſem Zweck an die Spitze der Regierung in Darmſtadt berufene Freiherr Friedrich Karl von Moſer ſuchte ſeine Aufgabe, abgeſehen von einer Reihe zum Teil tief einſchneidender Maßregeln auch durch eine beſſere Vorbildung der Beamten in der Staatswirtſchaftslehre zu löſen. Er gründete daher auf der hieſigen Univerſität eine fünfte Fakultät, die ökonomiſche, und berief 1777 als den Ver⸗ treter des Hauptfaches den als Schriftſteller angeſehenen und in der Praxis bewährten badiſchen Amt⸗ mann Schlettwein. Als Profeſſor der Chymie wurde dieſer neuen Fakultät zugeteilt der bisherige Profeſſor der Medizin, Landphyſikus und Bergrat Dr. Baumer. Es verdient beachtet zu werden, daß durch das landgräfliche Reſkript vom 23. April 1777 wohl zuerſt ein beſonderer Lehrauftrag für Chemie und Mineralogie erteilt wurde, während dieſe Disziplinen bisher von einem oder zugleich mehreren Profeſſoren der Medizin, ebenſo wie Phyſik, Botanik und Zoologie nebenher gelehrt wurden. Es mag als ein Beweis großer Sachkenntnis angeſehen werden, wenn Moſer für die Studierenden der Kameraliſtik, welche ſpäter die Staatsgüter verwalten und bewirtſchaften ſollen, Vorleſungen über Chemie, Mineralogie, Geognoſie u. a. vorſchreibt und wenn er zugleich aus ſich ſelbſt und ohne daß die Univerſität darum nachſucht, zur Herrichtung der zu einem gedeihlichen Unterricht der Chymie ge⸗ hörigen Experimente dem Profeſſor Baumer ein beſonderes Laboratorium ſowie 30 fl. in Geld und zwei Wagen Kohlen zuſichert. Gleichzeitig mit Baumer las in der mediziniſchen Fakultät der Profeſſor Cartheuſer über Chemie, Phyſik und einzelne Zweige der Arzneigelahrtheit. Als nun auf Oſtern 1779 Profeſſor Cartheuſer ſich nach Wetzlar in den Ruheſtand zurückzog, wurde als deſſen Nach⸗ folger auf Vorſchlag der mediziniſchen Fakultät der 24 jährige Dr. med. Karl Wilh. Chriſt. Müller berufen, der bisher in Cöttingen, wo er auch zuletzt ſtudiert und promoviert hatte, Vor⸗ leſungen über Pharmacie und Chemie hielt und zugleich, wie es in der biographiſchen Notiz heißt, das