Aufsatz 
Das Englische auf dem Gymnasium / Julius Jelinek
Entstehung
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Siebenstellige Logarithmen, deren Ziffernreihe nach einmaligem stummem Lesen mit dem Auge schwer festzuhalten sein würde, lassen sich erfahrungsgemäß nach einmaligem lauten Lesen bei einiger Gewöhnung an diese Form der Benutzung leicht wiederhersagen.

Wessen Ohr die Zahl x selbst in 7 Dezimalen genügend eingeprägt worden ist, der kann dieselbe nach vielen Jahren aus dem haftengebliebenen Gehörseindrucke sich wiederholen.

Dass nun bei der oft durch keine Regeln überbrückten Kluft zwischen Schreibweise und Aussprache des Englischen die lautliche Seite dieser Sprache eine doppelt feste Einprägung erheischt, ist ohne weiteres einzusehen, sie ist eben in den meisten Fällen Sache des bloßen Gedächtnisses. Wichtig ist die lautliche Seite jeder Sprache aber auch für das zu entwickelnde Sprach- und Stilgefühl, die beide ganz wesentlich mit dem Klange und Rhythmus der Sprache zusammenhängen.

Und glauben denn ferner diejenigen, die sich mit der bloßen Fähigkeit, einen Schriftsteller lesen zu können, begnügen, daß selbst für diesen Zweck der lebensvolle Besitz der fremden Sprache, jenes innere halbbewußte Tönen des Gelesenen, welches demjenigen, der die Klangwirkung der fremden Sprache voll und ganz in sich aufgenommen hat, bei sprachlich besonders schönen Stellen zum Lautlesen unwiderstehlich auffordert, seinen Genuß nicht erhöhen würde? 1

Man denke sich so manche Stellen aus Faust, Goethesche Lieder, Schillersche Balladen nicht nur still, sondern sogar ohne jenes innere Tönen, welches wir als Deutsche ja unwillkürlich dabei vernehmen, oder etwa mit falscher oder stümperhafter Aussprache gelesen, und man hat eine ungefähre Vorstellung davon, was Byrons Dichtungen, was Victor Hugos und Lamartines schönste Lyrik von ihrer dich- terischen Schönheit in denAugen desjenigen verlieren müssen, für den die bezügliche Sprache eine tote Sprache ist.

Ist der Eindruck einer solchen Lektüre an Stärke auch nur demjenigen zu vergleichen, den der gebildete Musiker empfängt, der den Genuß eines musikalischen Werkes voll reicher Harmonie und Instrumentation nur aus der Partitur zu genießen in der Lage ist, dem aber die Musik bereits den ganzen Reichtum ihres Klanges soweit geoffenbart hat, dass die an sich toten Notenzeichen seiner künstlerischen Phantasie den ganzen symphonischen Strom heraufführen, wie aus den an sich stummen Eindrücken des Phonographen die in ihnen gewissermaßen erstarrten Harmonien zu neuem Leben erwachen können!

Was insbesondere den letzten Punkt des oben erwähnten Bedenkens gegen die Hör- und Sprechübungen anlangt, dass in ihnen eine Mehrbelastung des Schülers liege, so genügt es, daran zu erinnern, dass, da nun einmal die Hauptarbeit in die Unterrichtsstunde verlegt werden muß, die früher näher bezeichneten Mittel, die Hör- und Sprechfertigkeit der Schüler zu entwickeln, jedenfalls zugleich sehr geeignet sind, in abwechselungsreicher Form den Lesestoff nach Grammatik und Wort- schatz bereits in der Unterrichtsstunde zum sichern Eigentum des Schülers zu machen.

Wenn nach alledem durch dieses soeben gekennzeichnete Verfahren dem Schüler, ohne ihn zu überbürden, zu einem lebensvollen, auf einem gewissen Sprachgefühle beruhenden Besitze der fremden Sprache verholfen wird, so dürfte sich gegen seine Daseinsberechtigung kaum noch viel ein- wenden lassen. Doch sei noch denen gegenüber, die den Sprechübungen jeden geistbildenden Wert absprechen möchten, bemerkt, dass gerade diese Ubungen eine große geistige Anspannung erfordern und zugleich geistige Gewandtheit fördern. Welche geistige Elasticität gehört oft dazu, mit einem beschränkten Wortschatze auszukommen! wie gilt es da oft, sich zu drehen und zu winden, um einen Gedanken schnell und doch möglichst zutreffend zum Ausdruck zu bringen!

Aus allem, was bisher über die Ubung im Sprechen gesagt worden ist, geht hervor, dass dasselbe nicht ein künstlich aufgepfropftes Reis sein darf, sondern organisch aus dem ganzen Unterrichts- betriebe herauswachsen muß. Von diesem Gesichtspunkt betrachtet, muß es von Anfang an geübt werden. Schon das erste dem Schüler entgegengebrachte sprachliche Material muß dem Schüler in Form von Lautbildern zum Eigentum gemacht werden. Wenn der Schüler mit diesem nicht münd-