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Zzum Schlusse dieser Erörterung sei mir noch gestattet, einen hier einschlagenden Gesichts- punkt von maßgebender Bedeutung zur Sprache zu bringen, von dem aus eine möglichste Ein- schränkung nicht nur des Ubersetzens in die fremde, sondern sogar aus der fremden Sprache ratsam erscheint. Aus eigener, viel erwogener Erfahrung im Auslande, die mir übrigens auch von anderer Seite mehrfach bestätigt worden ist, weiß ich, wie sehr das Fortschreiten in der Aneignung einer fremden Sprache gehemmt wird, wenn der Lernende immer von neuem aus der eigentümlichen Sphäre der zu erlernenden Sprache herausgerissen wird. Jede Sprache stellt eben eine eigene geistige Welt voll reichster Beziehungen dar, in der man sich, nachdem man sie wenn auch nur für ganz kurze Zeit verlassen hat, nicht mit einem Schlage wieder zurecht findet. Das hat so mancher an sich erfahren, der bei sonst ganz leidlicher Beherrschung einer bestimmten fremden Sprache sich derselben nach unmittelbar vorausgegangenem Gebrauche entweder der Muttersprache oder etwa einer dritten Sprache plötzlich bedienen sollte; habe ich doch selbst bei französischen Schweizern meiner Bekanntschaft eine an ihnen sonst nie wahrgenommene Schwerfälligkeit im Gebrauche ihrer Mutter- sprache beobachten können, wenn sie nach längerer Unterhaltung in deutscher Sprache, die ihnen auch sehr geläufig war, veranlaßt wurden, etwas soeben erst von ihnen selbst auf deutsch Gesagtes französisch zu wiederholen.
Da ein gleichzeitiges Denken in zwei verschiedenen Sprachen ebenso unmöglich ist, wie nach der Physik das Vorhandensein zweier Materien in genau demselben Raume, so besteht das Uber- setzen aus einem fortgesetzten gewaltsamen Hin- und Herspringen aus einer geistigen Welt in die andere, einem Verfahren, in dem man sich ja wohl eine gewisse UÜbung erwerben kann, durch welches aber ein sSichhineinleben oder wenigstens ein Sichhineinfühlen in die fremde Sprache schwerlich erreicht werden kann. Wenn nun für die Erlernung einer fremden Sprache die Ziel- forderung erhoben wird, dass der Schüler auch nur einigermaßen in der fremden Sprache zu denken imstande sein soll, d. h. mit anderen Worten, dass er die fremde Sprache zu gebrauchen wisse, ohne dabei an die Muttersprache zu denken, so ist klar, dass der Erreichung dieses Zieles ein fortwährendes Nebeneinandersetzen der beiden Sprachen, durch welches der Schüler auch bei Aufnahme und Einübung des fremden Ausdrucks gewaltsam an die Muttersprache gefesselt bleibt, nicht günstig sein kann.
Ohnehin ist es vom oben entwickelten Gesichtspunkte bedauerlich, dass so viele Sprachen auf unseren Schulen gleichzeitig neben einander getrieben werden müssen, doch ist dies aus mehr- fachen Gründen schwer zu umgehen, wofern nicht die neuangestellten Versuche mit der Einheits- schule, welche ein möglichstes Nacheinander der Sprachen in ihrem Programm vertritt, sich bewähren und einen Wandel herbeiführen.
Gerade bei der Frage nach der Zweckmäßigkeit des Übersetzens möchte ich, um jedem Miß- verständnis zu begegnen, besonders betonen, dass für das UÜbersetzen im altsprachlichen Unterrichte andere Gesichtspunkte in Betracht kommen, die in dem größeren Unterschiede dieser Sprachen vom Deutschen und in dem besonderen Berufe dieser Sprachen als geistiger Zuchtmittel beruhen. Die dem Englischen knapp zugemessene Zeit muß für eine möglichste Förderung in diesem Fache aus- genützt werden.
Wenn ich nun auch im Interesse eines nach Möglichkeit zu entwickelnden Sprachgefühls das Ubersetzen soweit beschränkt sehen möchte, als dies mit einer gründlichen Erlernung der fremden Sprache vereinbar ist, so stehe ich doch keineswegs auf dem Standpunkte jener reformatorischen Heißsporne, welche nach dem Vorgange Vietors alles UÜbersetzen mit der Begründung über Bord geworfen sehen möchten, dass dasselbe eine weit über das Maß des vom Schüler zu Fordernden hinausliegende Leistung, eine künstlerische Thätigkeit sei. Meines Erachtens ist es doch wohl ein Unterschied, ob ich dem Schüler zumute, einen Abschnitt aus der Hamburgischen Dramaturgie oder anderseits Sätze wie:„der König dieses Landes ist vor einiger Zeit in unserer Stadt gewesen“ in


