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am Gymnasium erscheint die Abwesenheit der letzteren Bedingung. Jedenfalls würde, da zwischen je zwei Unterrichtsstunden immer drei bis vier Tage dazwischenliegen, auch der Schüler während dieser Zeit, selbst bei Anwendung eines Textes in der ersten Zeit infolge jeglichen Verzichtes auf Ausspracheregeln nicht in der Lage sein würde, das im Unterricht Durchgenommene zu Hause aufzufrischen, die Sprechfertigkeit sich nur langsam entwickeln, woraus sich denn auch erklärt, dass Anhänger dieser äußersten Linken sich von dem englischen Unterricht am Gymnasium sehr wenig versprechen. Zu erwähntem Übelstande gesellt sich aber noch ein weiteres Bedenken ganz anderer Art: Die gedachte Methode ist dem durch die ganze vorausgegangene sprachliche Schulung gewonnenen geistigen Standpunkte des Gymnasiasten und seiner Art der Sprachanschauung durchaus unangemessen.
Der Schüler der oberen Klassen des Gymnasiums ist von der Erlernung der alten Sprachen her gewohnt, das einzelne Sprachelement im systematischen Zusammenhange kennen zu lernen und so zu betrachten. Und wirklich glaube ich mich nicht in der Wahrnehmung eines gewissen Unbehagens auf Seiten der Schüler geirrt zu haben, wenn ihnen im Englischen u. a. Formen des Fürworts oder des Zeitworts als Einzelerscheinungen außer jeglichem Zusammenhange entgegentraten. Selbst wenn sie mit Hilfe der vereinzelt auftretenden Sprachelemente imitativ(im Sinne von Klinghardt) schriftlich und mündlich Sätze bilden, ja sogar ein gelesenes Stück in Gesprächsform behandeln oder zusammen- hängend wiedererzählen konnten, schienen sieé das vom Betriebe der alten Sprachen ihnen zum Be- dürfnis gewordene Gefühl der Sicherheit peinlich zu vermissen. Das unbewußte Tappen und Raten entspricht eben nicht mehr dem sprachlichen Interesse der Schüler dieser Stufe. Wenn nun diese sprachliche Betrachtungsweise bei ihnen als eine innere Forderuug auftritt, so ist diese als gleich- bedeutend mit einem ihnen anerzogenen Streben nach Gründlichkeit nur willkommen zu heißen und zu begünstigen. Zwar wollen, wie erwähnt, auch die eifrigsten Verfechter jener extremen Richtung auf die grammatische Kenntnis der fremden Sprache beim Schüler nicht Verzicht leisten, vielmehr soll diese sogar dem Werke der Sprachaneignung erst die Krone aufsetzen, indem sie erst dann in ihr Recht einzutreten hat, wenn die Gewinnung des Sprachstoffes im wesentlichen abgeschlossen ist, sodass der grammatische Unterricht nur in einer Sichtung des erworbenen Sprachstoffes bestehen würde. Dies ändert aber im Grunde nichts an der Thatsache, dass die Sprache nach dieser Methode mechanisch erlernt werden muß. Und dieser Methode der Erlernung gegenüber möchte ich den grundsätzlichen Gedanken geltend machen, dass das Englische, wenn es auch nicht in gleicher Weise wie die alten Sprachen dazu berufen ist, zu strenger Geisteszucht und logischer Schulung beizutragen, doch darum keinesfalls durch seinen Betrieb derselben entgegenzuwirken hat.
Daher habe ich in meinem Unterrichte einen Weg eingeschlagen, der bis zu einem gewissen Grade die Erreichung der Vorteile, die die soeben erwähnte Methode als ihr eigentümliche in An- spruch nimmt,— nämlich eine lebendige Kenntnis und auf stark entwickeltem Sprachgefühle be- ruhende Beherrschung der Sprache— auch seinerseits iu Aussicht stellt, andererseits aber auch den am Gymnasium obwaltenden Bedingungen des englischen Unterrichtes sowie dem geistigen Stand- punkte und der sprachlichen Bildung der hier in Betracht kommenden Schüler angemessen ist. Dass ich mich bezüglich der zu erstrebenden Ziele und des dafür geeigneten Verfahrens, welches ich, mutatis mutandis, soweit es die damaligen Hilfsmittel zuließen, schon vor längeren Jahren im fran- zösischen Unterrichte der unteren Klassen in Anwendung brachte, auf dem Boden der„Neuen Lehrpläne“ finde, sei nicht ohne Genugthuung ausgesprochen. Das in diesen letzteren empfohlene Ver- fahren ist das analytisch-induktive, dessen Wesen darin besteht, dass die Kenntnis der Sprache in der Weise aus dem Lesestoffe gewonnen wird, dass aus den sprachlichen Einzelerscheinungen das Gesetz durch Abstraktion herausgeholt wird. Wenn wir uns nun inbezug auf den zu benützenden Lesestoff einerseits den einen großen Vorteil des rein empirischen Verfahrens zu nutze machen, dass durch die Darbietung eines zusammenhängenden Gedankenstoffes der Gedankenlosigkeit und rein äußerlichen Aufnahme des Gelesenen vorgebeugt und zugleich die gedächtnismäßige Einprägung des-


