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Weise wie die alten getrieben. Auch begnügte man sich mit gleichartigen Ergebnissen, ohne auf eine aus dem Wesen dieser Sprachen sich ergebende Lehrweise noch auf die aus der Bedeutung dieser Sprachen sich von selbst nahelegenden Unterrichtsziele Bedacht zu nehmen.
Nachdem Perthes vor mehr als einem Jahrzehnte in seiner Schrift:„Zur Reform des lateinischen Unterrichtes“ einer anregenderen Behandlung der alten Sprachen das Wort geredet hatte, konnte es somit nicht Wunder nehmen, dass gerade die Neusprachler sich seine Gedanken zu eigen machten und dieselben weiterentwickelten, besaßen doch die in den Perthesschen Ausführungen enthaltenen Wahrheiten für den neusprachlichen Unterricht aus naheliegenden Gründen eine erhöhte Gültigkeit.
Mehr oder minder stehen wir Lehrer von heute sämtlich unter dem Einflusse der Perthesschen Ideen. Selbst da, wo im ganzen die alte Methode noch beibehalten ist, hat sie im einzelnen den Reformideen Zugeständnisse machen müssen. Doch weichen auch die Ansichten der eigentlichen Reformer, von deren Rührigkeit eine kaum zu bewültigende, auf dem Boden der Perthesschen An- schauungen erwachsene Litteratur Zeugnis ablegt, von einander ganz erheblich ab. Gemeinsam ist ihnen der Gedanke der Sprachaneignung durch UÜbung(vgl. Klinghardts„imitative Methode“), dem zu- folge die Grammatik erst aus dem Sprachmaterial empirisch gewonnen wird und zwar entweder in unmittelbarem Anschlusse an die Lektüre oder wie bei der Muttersprache überhaupt erst nach der bis zu einem gewissen Grade abgeschlossenen, im allgemeinen mechanischen Aneignung der Sprache zum Zwecke der Sichtung und Klärung des bereits erworbenen Stoffes.
Wenn bei dem verschiedenen Baue der auf dem Gymnasium zur Behandlung gelangenden Sprachen und den verschiedenen Bedingungen und Zielen ihres Betriebes die Frage nach der an- gemessensten Lehrweise überhaupt keine einheitliche, allgemeingültige Beantwortung zuläßt, so sind gerade die Bedingungen für den englischen Unterricht am Gymnasium ganz besonderer Art. Es sei noch bemerkt, dass die folgenden Ausführungen, die sich im ganzen in den Grenzen einer gemäßigten Reform halten, nicht den Anspruch erheben, etwas durchaus Neues zu bieten. Da meine Stellung- nahme in der zu erörternden Frage auf Anregungen zurückweist, die ich vor mehr als einem Jahr- zehnt im wesentlichen aus den Schriften von Perthes, Münch, Kühn geschöpft habe, so ist bei dem schon erwähnten ungeheuren Umfange der auf demselben Boden erwachsenen Litteratur nicht an- zunehmen, dass die von mir zu entwickelnden Gedanken sich nicht auch anderwürts ausgesprochen finden sollten. Wenn ich sie trotzdem der Oeffentlichkeit übergebe, so liegt eine gewisse Recht- fertigung dieses Verfahrens darin, dass sie, jene ersten Anregungen abgerechnet, im ganzen als selbsterarbeitet gelten können, sowie in ihrer Begründung und zumal in ihrer Anwendung auf den englischen Unterricht am Gymnasium zum größten Teil auch wirklich neu sein dürften, dann aber auch darin, dass die vorliegende Form ihrer Veröffentlichung ihnen eine gewisse allgemeinere Ver- breitung verbürgt, die sie auf anderem Wege vielleicht noch nicht erlangt haben. In anbetracht des Umstandes, dass der englische Unterricht an vielen Anstalten wegen anfänglichen Mangels an ge- eigneten Lehrkräften erst im Laufe des letzten Jahres zur Einführung gelangt ist, dürfte die Veröffentlichung meiner Ausführungen eine weitere Daseinsberechtigung darin sehen, dass dieselben, in zweijähriger An- wendung erprobt, zeigen, wie jedenfalls der Unterricht in diesem Fache fruchtbringend gestaltet werden kann. Die eigentliche Schriftstellerlektüre des dritten Jahres ist dabei füglich außer Betracht geblieben.
Wenn überhaupt für ein sprachliches Fach die Grundsätze der Reformer Berechtigung haben, so gilt dies für das Englische. Dies hängt zusammen mit dem weitgehenden Aufgeben der Formen, welches das Englische kennzeichnet, und der im allgemeinen größeren Freiheit dieser Sprache. Daher J. Grimms Urteil, die englische Sprache sei weniger lehrbar als lernbar. Diese Lernbarkeit der englischen Sprache gilt für uns,„die teutonischen Vettern“ der Engländer in höherem Grade als für Völker nichtgermanischen Stammes. Dazu kommt,„dass es beim Betriebe des Englischen selbst an Realgymnasien und Oberrealschulen weniger auf formale Geistesbildung durch die Einsicht in den Sprachbau, als auf eine rasche und möglichst leichte Einführung in den Sprachschatz ankommt,


