Aufsatz 
Das Englische auf dem Gymnasium / Julius Jelinek
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Wenn ich zum Gegenstande dieses Programmaufsatzes die Behandlung der seit kurzem am Gymnasium als fakultativer Lehrgegenstand eingeführten englischen Sprache gewählt habe, so habe ich damit einer neuerdings von maßgebender Stelle ergangenen Anregung entsprochen, die alljährlich erscheinenden Programmabhandlungen nicht in so weitgebendem Maße wie bisher fachwissenschaft- lichen, eines allgemeineren Interesses oft nur allzusehr entbehrenden Gegenständen, sondern öfter als dies bislang geschehen auch allgemeineren Fragen des Unterrichtes und der Erziehung zu widmen. Welches Interesse seitens der Unterrichtsverwaltung selbst dem genannten neuen Unterrichtsfache zu- gewendet wird, beweist die Thatsache, dass die Behandlung desselben auch zum Gegenstande der Beratungen der in diesem Jahre stattfindenden Schles. Direktorenkonferenz gewühlt worden ist.

Gleichwohl darf denjenigen gegenüber, welche in der Aufnahme dieses Faches in den Lehr- plan des Gymnasiums eine unvermittelte, nicht durch thatsächlich vorhandene Bedürfnisse herbeigeführte Wendung erblicken möchten, nicht unausgesprochen bleiben, dass die preußische Unterrichtsverwaltung mit diesem Schritte, der durch ihr gleichzeitiges Hinwirken auf eine allgemeine Entlastung der Schüler erhöhte Bedeutung erhält, nur einem in weiten Kreisen empfundenen Bedürfnisse nachgegeben hat. Mußte es doch schon von einem idealen Standpunkte betrachtet als eine Sonderbarkeit erscheinen, dass das Gymnasium, welches doch in erster Linie dazu berufen ist, die geistigen Leiter des Volkes heranzubilden, von allen höheren Bildungsanstalten die einzige war, welche diesen Bestandteil höherer Bildung ihren Zöglingen vorenthielt. Auch ist nicht unerwähnt zu lassen, dass der englischen Sprache in einigen Staaten Deutschlands, so im Königreich Sachsen, bereits seit längerer Zeit die Stellung eines fakultativen, anderwärts vereinzelt sogar die eines obligatorischen Unterrichtsgegen- standes eingeräumt war. Da aber, wo für die Möglichkeit der Erlernung dieser Sprache behördlicher- seits nicht Sorge getragen war, ist es vielfach ein nicht geringer Prozentsatz der Schüler gewesen, der trotz der übrigen Anforderungen des Gymnasialunterrichtes sich zuweilen recht mühsam auf eigene Hand mit der englischen Sprache vertraut gemacht hat, ja sogar in einzelnen Fällen, ohne freilich von der Aussprache viel zu wissen, bis zur Shakespearelektüre vorgedrungen ist. Heutzutage, nach- dem die Möglichkeit der Erlernung dieser Sprache an sämtlichen Gymnasien geboten ist, sind über- dies auch durch die Neugestaltung des Lehrplans die Bedingungen dafür ungleich günstiger geworden.

Es genügt darauf hinzuweisen, dass die Grammatik in den übrigen Sprachen auf der Stufe, wo das Englische einsetzt, bereits zum Abschlusse gebracht ist, dass ferner durch Wegfall des lateinischen Aufsatzes und der Ubersetzungen in die fremden Sprachen, Einschränkung der Wiederholungen, Herabsetzung der Stundenzahl, Erleichterung der Reifeprüfung für den Betrieb des Englischen Raum geschaffen und Interesse frei geworden ist.

Wie wird nun der Unterricht in diesem neuen Fache am zweckmäbßigsten zu gestalten sein?

Wie bekannt, hat der neusprachliche Unterricht im Laufe des letzten Jahrzehntes zu Er- örterungen und Meinungsäußerungen Anlaß gegeben, wie kein anderes Unterrichtsfach. Früher und zum großen Teil geschieht dies auch heute noch wurden die neueren Sprachen völlig in derselben

1*