Die Luͤgen und Betruͤgereien der Schuͤler haben freilich meiſt nur Dinge zum Gegenſtand, die kleinlich und oft laͤcherlich erſcheinen; aber darauf kommt es nicht an, ſondern auf die Geſinnung, deren Ausdruck ſie ſind und die Gewohnheit, die daraus fuͤr die Folgezeit auch fuͤr bedeutendere Gegenſtaͤnde entſtehen kann. Gegen die erſtere, die Geſinnung naͤmlich, muß die Belehrung wirken, gegen das Aufkommen der letzteren aber die Strafe und zwar ſelbſt in unbedeutenden Faͤllen, ſtrenge Strafe, weil beide Vergehen meiſt aus dem Streben entſtehen, ſich einer andern bereits drohenden Beſtrafung zu entziehen. Sie muß darum immer ſtaͤrker ſein, als die Strafe war, die der Schuͤler damit vermeiden wollte, damit er in kuͤnftigen Faͤllen lieber dieſe uͤber ſich ergehen laſſe und nicht ſo leicht in Verſuchung komme, einer feigen Furcht nachzugeben und den bebenswürzigſien Eigenſchaften der Jugend, der Offen⸗ herzigkeit und Biederkeit zu entſagen.
Viel ſchlimmer noch erſcheint das Stehlen, nicht nur in Ruͤckſicht auf das Vergehen ſelbſt, ſondern auch wegen der, der Schule eigenthuͤmlichen Verhaͤltniſſe, obgleich man ſich bei der Beurtheilung nicht auf den Standpunkt ſtellen darf, den man einem erwachſenen Diebe gegenuͤber einnehmen muß. Wenn ſo ein Knabe ſtiehlt, dann geſchieht es faſt immer aus Naſchhaftigkeit, indem er entweder direkt Eß⸗ waaren wegnimmt oder ſich Sachen aneignet, um ſie zu verkaufen und zu vernaſchen. Seltener iſt das Verlangen nach dem dauernden Beſitz eines wuͤnſchenswerthen Gegenſtandes der Beweggrund. Aber eben weil die Naſchhaftigkeit in einem hohen Grade bei der Jugend vorhanden iſt, muͤſſen um ſo ernſter alle andern dazu nur irgend brauchbaren Triebe derſelben in Anſpruch genommen werden, um ſie nicht ſolchen Auswuͤchſen derſelben und damit einem mit Schande beladenen Leben zu uͤberlaſſen.
Religioͤſe Belehrung und Weckung eines regen Ehrgefuͤhls genuͤgen meiſtens zur Sicherung vor dieſem gemeinen Vergehen. Wenn aber, trotz der Anwendung dieſer Mittel, ein Schuͤler ſich dennoch zum Stehlen fortreißen laͤßt, dann koͤnnte nur in der unterſten Klaſſe beim erſten Male eine derbe koͤrperliche Zuͤchtigung als Strafe genuͤgen, in den andern muͤßte die augenblickliche Verweiſung von der Schule erfolgen..*
Ich weiß ſehr wohl, daß das Wegjagen in vielen Faͤllen mehr eine Strafe fuͤr die Eltern, als fuͤr den Schuͤler iſt und halte ſie darum auch nur in wenigen Faͤllen fuͤr zulaͤſſig. Ein ſolcher Fall iſt aber auch dieſer. Ein Schuͤler, der bereits mehrere Jahre wiſſenſchaftlichen Arbeiten ſich hingegeben, deſſen Geiſt und Gemuͤth Gelegenheit gehabt hat, ſich zu entwickeln, und der dennoch ſo alles religioͤſen, alles Ehr⸗ und Rechts⸗Gefuͤhls baar iſt, daß er ſtiehlt, iſt ein faules Glied am Schulkoͤrper, das abgeſchnitten werden muß. Auch trifft Jeden, der ſo Etwas gethan hat, eine ſolche Verachtung von Seiten ſeiner
Mitſchuͤler, daß derjenige, dem nur noch ein Funken beſſeren Gefühles inwohnt, von ſelbſt weggehen
wird. Endlich aber iſt bei den vollen Klaſſen unſerer Gymnaſien und dem engen und fortdauernden
Beiſammenſein der Schuͤler, eine Bewachung ihrer Sachen ſo ſchwierig, daß die oben erwaͤhnte Strafe
ſchon als Schutzmittel angewendet werden muß.
Ob aber das Faktum im Zeugniß zu vermerken ſei, iſt ſchwerer zu entſcheiden. Von der einen Seite ſcheint dies Pflicht zu ſein gegen andere Anſtalten und gegen die Menſchen, die ihn etwa auf⸗ nehmen und ihm vertrauen wollen. Von der andern aber wuͤrde ein ſolches Verfahren dem Betreffen⸗ den eine dauernde Schmach anheften und ſeine Beſſerung faſt eben ſo unmoͤglich machen, als es bei den
durchs Zuchthaus Gebrandmarkten der Fall iſt, wahrend er ſonſt bei der Entfernung aus den Verhaͤlt⸗
niſſen, in denen und durch die er zur Sunde verleitet worden und bei der Zuͤchtigung, die ihm ſein erſter Verſuch zugezogen, in den meiſten Faͤllen als geheilt zu betrachten geweſen waͤre. Auch muß man nicht vergeſſen, daß es wohl Pflicht des Zeugnißgebers iſt, ſchaͤdliche Eigenſchaften zu vermerken, daß aber in dieſer Jugend ein einziges Faktum noch nicht den Charakter einer Eigenſchaft annimmt und auch nicht


