Aufsatz 
Die Schul-Disciplin als Erziehungsmittel : ein pädagogischer Versuch / von Franz Idzikowski
Entstehung
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und ſie deshalb auch bei andern unterdruͤcken moͤchten, dann aber auch ſolche, die Religioſitaͤt zwar im Allgemeinen fuͤr wuͤnſchenswerth halten, ſie aber fuͤr junge Leute entbehrlich erklaͤren, die fuͤr wiſſen⸗ ſchaftliche Bildung und eignes Denken beſtimmt ſind. Dieſe wuͤrden ihre Stuͤtze fuͤr's Leben in dieſem Denken finden und den Troſt und die Kraͤftigung der Religion nicht beduͤrfen. Faͤnde ſich aber das Beduͤrfniß ein, dann waͤre es ja noch immer Zeit für ſie, mit dem Kirchenbeſuch zu beginnen.

Dieſes Raͤſonnement(denn ich finde kein anderes Wort dafuͤr) enthaͤlt nicht nur faſt eben ſo viel Unklarheiten und Irrthuͤmer als Worte, ſondern ſchlaͤgt ſich auch ſelbſt noch durch das Nichtvorhandenſein deſſen, auf das das Ganze ſich ſtuͤtzt. Denn von den Tauſenden, die alle Jahre von den Gymnaſien aus den verſchiedenen Klaſſen abgehen, verlaſſen doch nur ſehr wenige bereits mit der Faͤhigkeit ſelbſt⸗ ſtaͤndigen Denkens die Anſtalt. Die wenigen Bevorzugten wird man aber am wenigſten uͤbermuͤthig auf ihre Vernunft pochen hoͤren. Grade dieſe wiſſen es am beſten, wie unzureichend das menſchliche Denken, wie ungenuͤgend und unzuverlaͤſſig zuletzt ſeine Reſultate fuͤr das Leben ſind, ohne eine poſitive Grundlage, wie ſie die Religion bietet. Was aber jenen ſpaͤtern Kirchenbeſuch betrifft, ſo waͤre das Eilen zur Kirche in ſolcher Zeit etwas ſpaͤt. Dann iſt das Uebel ſchon geſchehen und nicht nach der Niederlage, ſondern waͤhrend des Kampfes mit Leidenſchaften und boͤſen Gewohnheiten bedarf man der Waffe.

Ich habe dieſe Bemerkungen, ſo wenig ſie auch die Sache erſchoͤpfen, nicht unterdruͤcken moͤgen, weil die Einwuͤrfe, die ſie veranlaßt, wirklich vielfach gehoͤrt werden.

Wenn aber nun dergleichen religioͤſe Uebungen bei der Erziehung wirklich nothwendig ſind, da man ſie als bedeutende Bildungsmittel zur Weckung des religioͤſen Sinnes wird anerkennen muͤſſen, ſo wuͤrde es ſich nur noch um die Feſtſtellung der Art und des Umfangs derſelben handeln.

Mit dieſer Frage aber betreten wir ein Gebiet, das nicht mehr der Paͤdagogik und denen, die ſie prak⸗ tiſch uͤben, ſondern der Kirche angehoͤrt und dieſe hat die Frage in ſo genuͤgender und pſychologiſch ſo richtiger Weiſe geloͤſt, daß den Gymnaſien nur uͤbrig bleibt, im innigen Anſchluß an die Kirche der Konfeſſion, der ſie angehoͤren, dieſen Theil der Erziehung zu regeln.

Der Kirche wird es auch obliegen zu unterſuchen, ob die mitunter lautwerdenden Klagen, daß durch zu lange Dauer des Gottesdienſtes, beſonders im Winter, und durch den die Tagesordnung der Eltern ſtoͤrenden Nachmittags⸗Gottesdienſt, dem Zweck der kirchlichen Erziehung geſchadet werde, wirklich begruͤndet ſind und, wenn dies der Fall iſt, auf welche Weiſe den Uebelſtaͤnden abgeholfen werden koͤnnte.

Mir aber mußte es genuͤgen, nachzuweiſen, daß und wodurch die Schuldisciplin auch auf dieſem Gebiete wirken koͤnne und den Weg anzudeuten, auf welchen allein etwaige zweckmaͤßige Veraͤnde⸗ rungen moͤglich ſind.

§ 8.

Wir koͤnnen uns nun zum zweiten Theil der religioͤſen resp. moraliſchen Erziehung wenden, naͤm⸗ lich zu dem, der es mit der Verhuͤtung eines unmoraliſchen Lebenswandels zu thun hat, da eine poſitive Anleitung zum⸗ moraliſchen Handeln durch aͤußerliche Noͤthigung unſtatthaft iſt.

Will man aber hierin nicht in rhetoriſche Floskeln verfallen, mit denen Niemand Etwas anfangen kann, dann muß man ſich nicht ſcheuen, die Vergehen, gegen die gewirkt werden ſoll, offen aufzudecken, da nur auf dieſe Weiſe feſte, in der Praris greifbare Anhaltspunkte gewonnen werden koͤnnen.

Die Vergehen gegen die Moralieaͤt nun, welche in den verſchiedenen Klaſſen natuͤrlich ungleichmaͤßig und im Vergleich zu der großen Menge der Schuͤler, wohl nur bei wenigen vorkommen, ſind: Luͤgen, Betruͤgen, Stehlen, Voͤllerei undUnkeuſchheit. Mir wenigſtens ſind keine andern weiter bekannt geworden.