Aufsatz 
Die Schul-Disciplin als Erziehungsmittel : ein pädagogischer Versuch / von Franz Idzikowski
Entstehung
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zur Entwickelung der einzelnen Beſtinmungen üͤber, welche zur Erreichung jenes Zieles wuͤnſchenswerth ſein moͤchten.

Das Gymnaſium ſoll nach§ 3 zunaͤchſt waͤhrend der Schulzeit auch ihrerſeits bei der religiöſen, formalen und koͤrperlichen Erziehung mitwirken.

Ich wende mich zuerſt zu der religioͤſen Erziehung, nicht nur, weil ſie durch die angenommene Reihenfolge, ſondern auch, weil ſie durch ihre Wichtigkeit den erſten Platz einnimmt und die Grundlage fuͤr die ganze Erziehung bilden muß.

Da ich aber die unterrichtende Thaͤtigkeit des Lehrers auch da, wo ſie mit der erziehenden Hand in Hand gehen und ſie ergaͤnzen ſoll, zu uͤbergehen mich genoͤthigt geſehen habe, ſo muß ich auch hier ab⸗ ſehen von dem Religions⸗Unterricht als ſolchem, von der Entwickelung des frommen Sinnes durch Unterricht und Predigt und mich blos zur Regelung des aͤußerlich hervortretenden Handelns wenden. Dieſe aber zerfaͤllt in zwei Theile: 1) in die Gewoͤhnung an die Formen der Gottes⸗Verehrung und die Erweckung des religioͤſen Sinnes durch dieſe und 2) in die Verhuͤtung eines unmoraliſchen Lebens⸗ wandels.

Bei dem erſten Theile werde ich zunaͤchſt nachweiſen muͤſſen, wie denn überhaupt die Disciplin auf die Weckung und Uebung des religioͤſen Sinnes wirken koͤnne.

Religioſitaͤt iſt der Zuſtand des menſchlichen Gemuͤths, durch den es von dem Gedanken an Gott und ſeine Gebote dauernd und vorzugsweiſe in ſeinen Gefuͤhlen und demgemaͤß auch in ſeinen Hand⸗ lungen beſtimmt wird. So wie aber jeder Zuſtand des menſchlichen Gemuͤths in ganz beſtimmten Handlungen ſeinen Ausdruck findet, ſo bringen auch umgekehrt bei einem Menſchen, in dem noch nicht oder nicht mehr entgegengeſetzte Einfluͤſſe wirken, dieſe Handlungen jenen Gemuͤths⸗Zuſtand hervor. Und zwar geſchieht dies nicht blos, wenn man Andere handeln ſieht, ſondern auch, wenn man ſelbſt zu ſolchen Handlungen veranlaßt wird.

Wenn darum fromme Gemuther ihre Andacht in den kirchlichen Formen, die ein ſo natuͤrlicher Ausdruck des religioͤſen Gefuͤhles ſind, Verrichten, ſo muͤſſen dieſe ſelben Formen auch wieder das Gefuͤhl erwecken und naͤhren.

Wenn dies richtig iſt, dann folgt daraus, daß das Gymnaſium durch Gewoͤhnung an Kirchen⸗ Beſuch und Kultus⸗Formen auf die Religioſitaͤt wirken kann und daß es demgemaͤß Einrichtungen treffen muß, die dieſes Ziel verfolgen.

Die evangeliſchen Gymnaſien haben, ſo weit meine Kenntniß reicht, dieſen Theil der Erziehung nur ſehr unvollſtaͤndig beruͤckſichtigt. Daß ſie den an katholiſchen Gymnaſien uͤblichen taͤglichen Mor⸗ gen⸗Gottesdienſt durch ein Morgen⸗Gebet erſetzen, iſt bei den Formen des proteſtantiſchen Ritus zweckmaͤßig; daß ſie aber fuͤr den Sonntag keinen gemeinſamen und fuͤr alle vbligatoriſchen Gottesdienſt einrichten, erſcheint mir jedenfalls unpaͤdagogiſch.

Aehnliches gilt von den juͤdiſchen Gymnaſiaſten, um deren religioͤfe Ausbildung ſich nur wenige Anſtalten kuͤmmern und bei denen die Gewoͤhnung an kirchlichen Sinn dem Zufall uͤberlaſſen bleibt.

Dieſer Sinn aber kann doch nur geweckt und genaͤhrt werden, wenn ihm dazu Gelegenheit geboten wird und da die Schuͤler, ohne aͤußern Antrieb, dieſe meiſtens nicht aufſuchen werden, ſo i es Sache der Schul⸗Disciplin, ſie dazu zu veranlaſſen.

Wenn aber auch die evangeliſchen Gymnaſien, ſo wie die Eltern unſerer juͤdiſchen Schüler nur durch aͤußere Umſtaͤnde verhindert ſind, in der angegebenen Weiſe zu wirken, ſo giebi es doch auch prinzipielle Gegner dieſes Strebens..

Bunächſt eifern gegen dieſen Theil der Erziehung alle diejenigen, die ſelbſt ohne alle Religion ſind