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Als ein ſolcher Theil des Gymnaſiallebens, durch deſſen ſorgfaͤltige Bearbeitung und praktiſche Beruͤckſichtigung das Schulleben eine feſte Baſis gewinnen kann, erſcheint mir auch die erziehende Thaͤtigkeit des Gymnaſiums, die meiſtens noch wenig Beachtung gefunden hat und die, wenn auch in einzelnen Theilen nicht unzweckmaͤßig geleitet, doch aus Mangel an Konſequenz und Zuſammenhang in den Beſtimmungen, im Ganzen noch viel zu wuͤnſchen uͤbrig laͤßt.
Weil ich nun glaube, daß gerade dieſer Theil des innern Lebens der Schule durch ſeine ſtete Verbindung mit der Außenwelt auch in weiteren Kreiſen einiges Intereſſe erwecken werde, ſo waͤhle ich dieſes Thema zur Beſprechung in einem Blatt, das Eltern und Vormuͤndern in die Haͤnde kommt, durch deren Mitwirkung die zu erzielenden Reſultate um ſo ſicherer erreicht werden koͤnnen. Aus dem⸗ ſelben Grunde habe ich auch Vieles, beſonders dasjenige, was mit den jetzigen Einrichtungen nicht ganz üͤbereinſtimmt, mit groͤßerer Ausführlichkeit beſprochen, als es fur Paͤdagogen vom Fach nothwendig
geweſen waͤre. Wenn ich aber zuletzt noch die Bitte anreihe, die Abhandlung mit Nachſicht beurtheilen zu wollen, da ich das Ganze in ziemlich kurzer, durch andere Beſchaͤftigungen noch vielfach geſtoͤrter Zeit habe ſchreiben muͤſſen, ſo iſt dies keineswegs die uͤbliche Redefloskel blos ſcheinbarer Beſcheidenheit, ſondern die Aeußerung des klaren Bewußtſeins aller der Maͤngel, an denen die Arbeit noch leidet und die ich nicht mehr habe entfernen koͤnnen.§ 2
Da ich nachweiſen will, in welchem Umfange und in welcher Art die Schuldisciplin bei der Erziehung am Gymnaſium mitwirken koͤnne, ſo ſcheint mir der natuͤrlichſte Gang einer geordneten Entwickelung der zu ſein, zunaͤchſt zu beſtimmen, was Erziehung im Allgemeinen ſei und in wie weit ſich das Gymnaſium bei derſelben betheiligen könne, dann aber feſtzuſtellen, was ich unter Schul⸗ Disciplin verſtehe, nach welchen Prinzipien und durch welche Organe und Mittel ſie gehandhabt werden muͤſſe. Erſt durch die Erledigung dieſer Fragen kann ich einen feſten und ſtreng abgegrenzten Boden fuͤr die ſpezielle Ausfuͤhrung meiner Aufgabe erhalten.
Viele verſtehen unter Erziehung die Entwickelung aller Kraͤfte und Faͤhigkeiten des Menſchen und zwar nicht blos durch die abſichtliche Einwirkung Einzelner, ſondern durch das Zuſammenwirken alles deſſen, was den heranwachſenden Menſchen umgiebt. Faßt man den Begriff in dieſer Ausdehnung, dann verliert man ſich ſowohl in Bezug auf die Zwecke, als auch in Hinſicht auf die wirkenden Subjekte ins Unendliche, denn dann hat der Menſch eigentlich drei Erzieher: die Natur, ſeine Schickſale und die Menſchen.
Alle drei wirken neben einander auf die Entwickelung deſſelben und man muͤßte darum die Eigen⸗ thuͤmlichkeiten der menſchlichen und der aͤußern Natur, die verſchiedenen Moͤglichkeiten in den Lebens⸗ Ereigniſſen des Menſchen und endlich die mannigfaltigen Charaktere der Menſchen, die mit dem zu Erziehenden zuſammen kommen koͤnnen, erſt fuͤr ſich einer Betrachtung unterwerfen und ihre Einwirkung ergruͤnden, dann aber auch die Modifikationen unterſuchen, die das eine Element durch das andere erhaͤlt. Jede dieſer Betrachtungen wuͤrde ſchon moͤgliche Faͤlle in ungeheuer Anzahl bringen, die wechſelſeitige Einwirkung derſelben auf einander aber die Menge der Kombinationen zu ſolcher Unendlich⸗ keit ſteigern, daß es der Menſch muthlos aufgeben muß, dieſes Chaos in ein Syſtem zu bringen und dieſe endlos mannigfaltigen Einwirkungen nach ſeinen Wuͤnſchen zu regeln. Er muß es Gottes Barm⸗ herzigkeit und Guͤte uͤberlaſſen, dieſe Seite der menſchlichen Entwickelung zu deſſen Beſten zu leiten und ſich damit begnuͤgen, in dem Theile, den er uͤberſehen kann, nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen zu wirken.
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