Aufsatz 
Über den Zweck von Aristophanes Thesmophoriazusen / Julius Zastra
Entstehung
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Der grade ſolche Stoffe wählt, in denen ſchlechte Weiber Erſcheinen, Phädra'n dichtend und Menalippen, niemals eine Penelope, weil dieſe ja ein braves Weib zu ſein ſchien.

unſtreitig war Euripides nicht ſehr ſpröde in der Auswahl der weiblichen Charaktere, welche die Geſchichte und Mythologie darbot. Phädra, Medea, von denen bereits oben die Rede war, Menalippe, Sthenoböa und andere waren in der That höchſt unwürdige Heldinnen der Tragö⸗ die, in deren Heiligthum Sophokles ſo herrliche Geſtalten eingeführt hatte; und die Liebe, welche, während ſie in den Tragödien der früheren Dichter, des Aeſchylus und Sophokles, ent⸗ weder ganz in den Hintergrund trat oder doch wenigſtens als ein edles, den Menſchen erheben⸗ des Gefühl hervorſtrahlte, in einigen Tragödien des Euripides als reiner Sinnengenuß erſcheint und in ihrer Ausartung zu Verbrechen verleitet, mußte wohl nachtheilig einwirken in einer ohnehin frivolen Zeit, mußte aber auch in den Herzen aller derer, welche die frühere Zucht und Sitte achteten und verehrten, einen edlen Unwillen erregen. Unter dieſen war nun auch Ariſtophanes, der innige Verehrer des Sophokles, und er hat nicht nur in dem vorliegenden Stücke, ſondern auch, und zwar in weit höherem Grade, in den Fröſchen auf eine wahrhaft vernichtende Weiſe gegen dieſe Entweihung Melpomene's geeifert. Aus derſelben Anhänglich⸗ keit an das Alte, Herkömmliche, durch die Sitte Geheiligte entſpringt aber auch ein anderer Tadel gegen den Stoff eines Euripideiſchen Stücks und zwar der Helena. In dieſer war nämlich der Dichter von der Sage Homers, deſſen Geſänge für den Hellenen wahrhaft heilige Bücher waren, die er mit freudigem Stolze die ſeinen nannte, und deren Verletzung oder Um⸗ deutung er daher nur ſchmerzlich empfinden konnte, abgewichen und hatte die Sage ſeinem Zwecke gemäß umgeſtaltet, wahrſcheinlich um durch dieſen veränderten Inhalt ſich das Lob zu verſchaf⸗ fen, einen neuen Stoff für die Tragödie gefunden zu haben. Wem er gefolgt ſei, darüber waltete bisher ein Streit unter den Gelehrten;Musgrave, Matthiae, und Pflugk in der Vorrede nehmen an, daß Herodot*) ſeine Quelle ſei, bedenken aber nicht, daß die⸗ ſer die Sache auf eine ganz andere Weiſe erzählt. Nach ihm wurde Paris mit der geraub⸗ ten Helena durch einen Sturm nach Aegypten verſchlagen, deſſen König Proteus die Helena ſammt ihren Schätzen bei ſich zurückhält, den Paris aber entläßt; der Trojaniſche Krieg ent⸗ brennt natürlich um nichts weniger; Troja wird erobert, Helena nicht gefunden und Menelaus begiebt ſich zum Proteus nach Aegypten, von dem er ſeine Gattin wieder erlangt. Ganz anders aber behandelt Euripides die Fabel; er läßt die Helena im Prologe erzählen, ſie ſei auf der Juno Befehl vom Merkur nach Aegypten gebracht worden, an ihrer Statt habe man aber ein Bild(er0³o*) nach Troja geführt, um welches die Griechen die Stadt ſo lange belagert hät⸗ ten; und läßt dann im Laufe des Stücks den Menelaus als einen Schiffbrüchigen auftreten, der die Helena durch Liſt entführt. Freilich hat Euripides dieſe Fabel wohl nicht erfunden,

*) II. 112 121.