Aufsatz 
Über den Zweck von Aristophanes Thesmophoriazusen / Julius Zastra
Entstehung
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ſen ſei, und wir können ihm bis jetzt nur den Vorzug der Genialität und des ſcharfen Ken⸗ nerblickes vindiziren. Für ſeine edle Geſinnung, für ſeinen Charakter hätten wir noch keinen ſprechenden Beweis erlangt. Ariſtophanes war, wie wohl am Ende jeder Dichter, ein Sohn ſeiner Zeit, die Gegenwart umſchlang ihn mit unentrinnbaren Händen; in ihr erblickte er aber nichts, was Nacheiferung und lohnende Verherrlichung verdient hätte, ſie war ſittlich entartet und verderbt. Darum wendet er all ſeinen Spott, ſeinen niederſchmetternden Hohn gegen ſie; denn der Menſch iſt, nach Jean Paul's*) Ausdruck, wie der Meerrettig zerrieben am beißend⸗ ſten. Wer aber zweiſelt, daß Ariſtophanes den Unterſchied ſeiner Zeit und der nicht längſt ent⸗ eilten recht wohl kannte und ſchmerzlich empfand, der höre ihn, wie er ſtets mit dem höchſten Entzücken von jener Vergangenheit ſchwärmt, in der Athens Kraft und Muth den Barbaren beſiegt hatte, in der noch Tapferkeit und edler Sinn der Männer Bruſt belebte, die Zeit der Marathonkämpfer. Jedes ſeiner Stücke liefert die Beweiſe dafür, daß unter der Maske des zügelloſeſten Muthwillens das von Unwillen und Schmerz über der Gegenwart unwürdige Geſtalt getrübte thränende Auge hervorblitzt.

Man hat die Stücke des Ariſtophanes einzutheilen verſucht, vorzüglich iſt dies von Manſo geſchehen im 7. Bande der Nachträge zu Sulzers Theorie, doch meiner Anſicht nach ganz ohne Grund, ohne Zweck und beſtimmtes Prinzip. Manſo theilt nämlich alle Comödien des Ariſtophanes in politiſche, zu denen er die Acharner, die Ritter, den Frieden und die Lyſi⸗ ſtrata rechnet, dann in ſolche, die den Staat überhaupt betreffen, als da ſind: die Wespen, die Vögel, die Ekkleſiazuſen. Erſtens aber ſehe ich nicht, wie die beiden Theile politiſch und den Staat im Allgemeinen betreffend einander ausſchließen, und zweitens ſind die drei genann⸗ ten ebenfalls ganz rein politiſch. Denn das in den Wespen verſpottete zur Sucht und Leiden⸗ ſchaft gewordene Gerichtsweſen war ja eine Schwäche des Staats; die in der Höhe gegründete Wolkenkuckucksſtadt(Nepehyzozzvyi) giebt ja, wie jetzt nach Rötſchers Unterſuchung allge⸗ mein angenommen wird, ein Bild von dem planloſen Ringen und Streben Athens; und in den Ekkleſiazuſen wurde die in Athen ungemein überhand nehmende Lakonomanie, durchgezo⸗ gen*). Die dritte Klaſſe nach Manſo, ſind die litterariſchen: die Wolken, die Thesmophoria⸗ zuſen und die Fröſche, als Verhöhnungen des Sokrates und Euripides. Angenommen aber es verhielte ſich auf dieſe Art,(ob dies bei den Thesmophoriazuſen das einzige Motiv iſt, werden wir im Verlaufe der Unterſuchung ſehen) ſo ſcheinen mir doch auch dieſe 3 Stücke bei dem re⸗ gen Antheil, den das ganze Volk an beiden Perſönlichkeiten nahm und bei der Macht, die beide auf die Athener übten, politiſch genannt werden zu können.

e) Siebenkäs. 10. Kapitel. *4⁴) Dies habe ich in der Schrift de Arist. Eeclesiaz. temporo atque consilio nachzuwei⸗ ſen geſucht. 1*½