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ſich dauernd erfreuen wollte, oder weil er in ſich die Kraft fühlte, dem Atheniſchen Volke zu imponiren, nährte die Luſt der Athener am freien ungebundenen Leben: als aber die Zügel des durch die Peſt dahingerafften Perikles Hand entſinkend von andern, weder an Geiſt noch an Herz jenem nur entfernt gleichenden Demagogen ergriffen wurden, da ſtürmten, gleich den Phaetons Unkunde fühlenden Sonnenroſſen, alle Kräfte des Staats in wilder Unordnung dahin und die Ochlokratie, alles Beſtehenden Feindin, führte den Staat an des Verderbens Rand. Der pelo⸗ ponneſiſche Krieg, unter den glänzendſten Ausſichten begonnen, verzehrte des noch vor Kurzem ſo kräftig blühenden Staates Mark, Mißbräuche der beklagenswertheſten Art ſchlichen ſich ein, die Sittenverderbniß erreichte einen hohen Grad und vergeblich war das Sehnen der beſſer Geſinnten nach einer Beendigung des ſtets ſich vergrößernden Elends. Des Glückes Stern erbleichet mehr und mehr und verſchwindet endlich ganz, Athen fällt, von der Spartaner Hand bezwungen, rafft ſich zwar noch einmal empor und ſchüttelt das verhaßte Joch ab, kann ſich aber des fremden Einfluſſes nicht mehr erwehren. In dieſer, eben geſchilderten Zeit trat Ari⸗ ſtophanes mit den Stücken hervor, welche uns aus dem Sturm der Jahrhunderte gerettet ſind; aus ihr ſchöpfte er den Stoff zu den Comödien, in denen er uns ein treffliches Bild ſeiner Zeit in ihren einzelnen Richtungen mit kräftigen, genialen Zügen entworfen hat. Denn ſo wie der Tragiker ſeine Geſtalten einer großen Vergangenheit entnimmt, die an ſich ſchon auf einen gewiſſen Grad von Ehrfurcht rechnen darf, wie er die Ideen des Großen und Erhabenen ge⸗ wiſſermaßen zu verkörpern ſucht und wie ſeine Helden, den Blick nach Oben gerichtet, mit Un⸗ willen nur an der hemmenden Erde haften: ſo ergreift der Comödiendichter das ihm nahe Lie⸗ gende, die Gegenwart; faßt ganze Gattungen von Menſchen, die durch irrthümliche Richtungen im Contraſte zum Vernünftigen lächerlich werden, zuſammen, ſtellt ſie als Individuen dar und zeigt bald ſpottend bald ſtrafend den verſammelten Zuſchauern ihr eignes Bild. So mochten wohl die Gattungen von Menſchen, welche Ariſtophanes in ſeinen Comödien als Ein⸗ zelweſen vorführt, in großer Zahl vorhanden ſein, und auch die unzähligen Perſifflagen einzel⸗ ner Anſichten und Ausdrücke, ſo wie die Parodien einzelner Theile der Tragödien jener Zeit und die Verſpottungen der Schauſpieler wegen eines nicht recht betonten Verſes oder eines un⸗ deutlich ausgeſprochenen und dadurch zweideutigen Wortes mögen ihren Grund in den Unter⸗ haltungen der feinen Athener gehabt haben, und von Ariſtophanes am ſchicklichen Orte auf die Bühne gebracht worden ſein. Denn ſonſt vermöchte man bei aller dem Atheniſchen Volke inne⸗ wohnenden und nicht beſtrittenen hohen Bildung doch in ſehr vielen Fällen ſich nicht zu erklären, wie die im flüchtigen Augenblicke geſchehenen Anſpielungen vom ſchauenden Athener verſtanden werden konnten. Aehnlich äußert ſich der treffliche Verfaſſer der Epigonen und des Münch⸗ hauſen, Carl Immermann, in einem Aufſatze, Düſſeldorfer Anfänge, den man im dritten Bande der deutſchen Pandora findet.
Aber aus Allem dem, was ich bisher zur richtigen Würdigung des Ariſtophanes an⸗ führte, geht immer noch nicht mehr hervor, als daß er ein Spaßmacher und Poſſenreißer gewe⸗


