Aufsatz 
Über den Zweck von Aristophanes Thesmophoriazusen / Julius Zastra
Entstehung
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Ueber den Zweck von Ariſtophanes Thesmophoriazuſen.

Arriſtophanes iſt bis in die neueſte Zeit vielfach falſch beurtheilt und aufs herbſte verkannt worden. Zwar konnte man ihm bewundernswerthe Herrſchaft über die Sprache, in der man ſchon früh den reinſten Attizismus pries, eine ganz vorzügliche Gewandtheit in der Behandlung der verſchiedenſten Versmaaße nicht abſprechen; zwar mußte man ihm eine Fülle körnigen Witzes und trefflicher Bemerkungen zugeſtehen; zwar ſtaunte man die Keckheit an, mit der er die her⸗ vorſtechendſten Perſönlichkeiten Athens geißelte; zwar war er Allen eine nie verſiegende Quelle für die Kunde des attiſchen Lebens in der Zeit des verderblichen peloponneſiſchen Krieges: aber von der Kunſt der Compoſition ſeiner Dramen, von dem tiefen Sinne, der in jeder ſeiner Comödien ſchlummert, von der Trefflichkeit ariſtophaniſcher Geſinnung hatte man keine Vorſtel⸗ lung. Man ſah in ihm nur den gemeinen Poſſenreißer, der durch Witz und Satire des Pöbels Gelächter zu erregen ſich beſtrebte, man tadelte ſchonungslos die Frechheit, mit der in ſeinen Stücken die geheimſten Verhältniſſe ans Licht der Oeffentlichkeit gezogen werden, und es erklangen nur Ausdrücke des Staunens über die Toleranz der Athener, die ſich ſolche Stücke anzuſehen nicht entblödeten. Selbſt Wieland hat bei allem Verdienſt um die Erklärung des Dichters den Werth deſſelben nicht recht zu würdigen verſtanden; denn er ſah in ihm nur den ungezogenen Liebling der Grazien. A. W. v. Schlegel erſt hat aufmerkſam darauf gemacht, daß noch ſo manches andere außer den oben erwähnten Vorzügen am Ariſtophanes zu achten ſei. Doch ſuchen wir auch bei ihm vergeblich einen durchaus gültigen Satz, der den Ariſtophanes entſchuldigte, ver⸗ theidigte und zugleich ſeine Art zu dichten aufs beſtimmteſte erklärte. Und doch liegt dieſer ſo nahe: diejenigen, welche den Dichter als Quelle für die Geſchichte jener Zeit benutzten, brauch⸗ ten nur zurückzuſchließen, um ihn zu finden. Ariſtophanes iſt nämlich aus der Demokratie, aus der zügelloſeſten Demokratie allein zu beurtheilen, ſo wie durch ihn die Demokratie Athens beleuchtet wird. Schon als Perikles noch mit kräftiger Hand die Zügel des atheniſchen Frei⸗ ſtaates hielt, ſchwebte die Demokratie, eine Verfaſſung, in der ſo leicht die heilſamen Schranken überſprungen werden, auf der Spitze; ja Perikles ſelbſt, ſei es daß er der errungenen Macht 1