Untersuchungen über die Echtheit einiger Delphischer Orakel.
I.
An die Spitze der folgenden Erörterungen muss ich den Grundsatz stellen, der mich bei den einzelnen Untersuchungen vor allem leitet: ich meine, dass alle diejenigen Orakelsprüche, resp. die- jenigen Teile derselben, in denen ein historisches Factum mit Bestimmtheit, womöglich mit Angabe von Einzelheiten, als etwas Zukünftiges vorhergesagt wird, erst nach dem Eintritt dieses Ereignisses ver- fasst und in diesem Sinne für unecht zu erklären sind.¹)
So selbstverständlich auch manchem Leser dieser Satz erscheinen mag, da ja weder die Pythia noch die übrigen Priester als sterbliche Menschen die Zukunft vorhersagen konnten, so oft er auch in der Praxis wirklich angewandt worden ist, so muss ich ihn doch aussprechen, um ihn gegen eine merkwürdige Aeusserung Bergks zu verteidigen. Nachdem auch er in sciner Litteraturgeschichte (pag. 332) die Wahrheit des aufgestellten Satzes im allgemeinen anerkannt hat, fährt er mit folgenden Worten fort:„So gerechtfertigt also auch im allgemeinen das Misstrauen ist, welches man gegen diese Orakel hegt, und so schwierig es im einzelnen Falle sein mag, über Echtheit oder Unechtheit eine sichere Entscheidung zu treffen, so darf man doch die Skepsis nicht übertreiben. Gar manches pro- phetische Wort ist in überraschender Weise in Erfüllung gegangen; nicht bloss Voraussagungen, die sich in einer gewissen Allgemeinheit halten, z. B. wenn das Orakel von Delphi erklärte, Sparta werde durch seine ungezügelte Habgier zu grunde gehen, sondern auch wo gana speziell der Ausgang vorher bestimmt wird. Thukydides berichtet, dass gleich im Anfange des peloponnesischen Krieges die Dauer des Kampfes durch Orakel auf drei mal neun Jahre vorherbestimmt war; dass dies keine delphischen Sprüche waren, ist gleichgültig. Ebenso verhiess von vorn herein Delphi den Spartanern siegreichen Ausgang des Krieges, wenn sie denselben nachdrücklich führen würden, und sagte ihnen den Beistand des Gottes zu.“
Sind nun diese beiden Orakel wirklich geeignet, uns an der Wahrheit des oben aufgestellten Satzes zweifeln zu machen? Hat die Pythia oder irgend ein anderer Wahrsager in der That mit Sicherheit vorher gewusst, dass der Krieg 27 Jahre dauern und mit dem Siege der Spartaner enden würde? oder ist es ein zufälliges Zusammentreffen mehrerer Umstände? Wie haben wir dann aber zu erklären, dass der betreffende Wahrsager grade auf die Zahl 27 kam?
Leicht ist die Erklärung bei dem zweiten der beiden Orakel— ich begreife nicht recht, wie Bergk es bei seiner Erörterung anführen kann— das den Spartanern den Sieg prophezeit,„wenn sie den Krieg mit Nachdruck führen würden“ ard οαõτοο 1τεαονσσνν(Thuc. I 118. II 84). Dieser Zu- satz macht doch, wie mir scheint, die ganze Prophezeiung illusorisch: der Spruch gehört zu jenen
¹) Die beiden ersten Seiten sind aus der Vorrede zu meiner Ausgabe der Orakel(Halle 1877) pag. 2— 3 wiederholt.
1


