Aufsatz 
Untersuchungen über die Echtheit einiger Delphischer Orakel / vom Gymnasiallehrer Richard Hendess
Entstehung
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leicht durchzuführen. Es ist vielseitig die Ansicht ausgesprochen, dass die Schüler der untersten Klassen gelehrter Schulen überhaupt nicht zu lesen brauchten oder es nicht einmal dürften: sie hätten genug an dem durch Unterricht und häusliche Arbeit gebote- nen Stoff. Ich würde ihnen eine mässige Benutzung der für ihr Alter ausgewählten Bücher empfehlen, da abgesehen von dem geistigen und moralischen Gewinn durch die Lektüre auch sie schon zu erträglichem mündlichem Ausdruck angeleitet werden müssen. Dies geschieht zunächst durch die Schule, wenn auf möglichst zusammenhängende voll- ständige Antworten gehalten wird, und wird etwa bei Kindern der Familien ausreichen, in denen die Eltern Lust und Fähigkeit besitzen, das Werk der Schule in diesem Sinne zu unterstützen. Da dies aber, ohne dass die Eltern immer ein Vorwurf trifft, nicht überall der Fall ist, so kann die dem Sextaner dargebotene Geschichte, Biographie, das Märchen solchem Mangel zum Teil wenigstens abhelfen. Anders stellt sich die Frage schon für die Quinta. Hier müssen neben den aus den obenerwähnten Gründen noch mehr not- wendigen Jugendschriften schon Bearbeitungen der deutschen und griechisch-römischen Sagen als Vorstufe für die Geschichte gelesen werden, dazu Darstellungen der Ent- deckungsreisen und andere auf den Unterricht in der Geographie vorbereitende Schriften, auch gut geschriebene naturwissenschaftliche Bücher, natürlich nur in mässiger Weise und beschränkter Zahl. Je höher die Klasse, desto notwendiger und erfolgreicher wird die Be- nutzung der Schüler-Bibliothek unter Anleitung und Aufsicht der Klassenlehrer werden.

Wenn wir also unser Urteil nochmals zusammenfassen, so ist es dies, dass die Schüler-Bibliothek ein notwendiger Bestandteil der Schule ist zu formaler, geistiger und sittlicher Bildung, und dass es also im eigenen Interesse der Eltern liegt, nicht nur durch ihre Erlaubnis zur Benutzung derselben ein so gemeinnütziges Institut zu unterstützen, sondern die Kinder selbst anzu- halten, dass sie je nach der ihnen zugemessenen freien Zeit und dem Standpunkte der Klasse sich durch sorgfältige Lektüre die genannten nicht geringen Vorteile sichern.

Dr. A. Köhn.