Aufsatz 
"Tod und Sterben" in der modernen Lyrik : eine literarische Studie mit einer Beigabe eigener Gedichte / von Bonifaz Rauch
Entstehung
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Auf daß er wachse und gedeih'! Vielleichst kommt einst ein Zimmermann, Der ihn zu einer Wiege fällt.

Vielleicht kommt eine Mutter, die

Ein Kindlein in die Wiege legt,

Das noch einmal die Welt erlöst

Und nicht dafür gekreuzigt wird.

Die schlichten, kernigen, etwas knorrigen und an Wildwuchs gemahnenden Verse verraten den volkstümlichen sohn der Alpen, den die frische Bergesluft von Kindheit an umrauschte. Die künst⸗ lerische Idee berührt sich einigermaßen mit der C. F. MeyersLieb⸗ lingsbaum, doch ist die Auffassung bei Rosegger nicht ausgeSProchen pantheistisch. Wenn Rosegger, der religiös gerne eigene Wege geht, das Kreuz als Grabeszeichen abweist, so will er damit im Grunde nicht antichristlich sein wie auch Herwegh nicht in den bekannten Versen:Reißt die Kreuze aus der Erden! Alle sollen schwerter werden!

Roseggers Gedicht, in dessen letzten Versen das Motiv von der menschenerlösenden Liebe anklingt, mag den Uebergang bilden zu einer Anzahl von Dichtern, welche mit einer Art von Humanitäts- religion den Tod schlechthin als verklärende Macht, als Vermittler einer höheren Lebensform auffassen, ohne besondere ethische Forde⸗ rungen zu stellen. Dies ist der Fall bei einem der feinsten Lyriker der Jetztzeit, bei Gustav Falke. In seiner Lyrik ist das Thema vom Tode das häufigste. Unter mannigfachen Bildern führt er in einer Gedichtsammlung, die den bezeichnenden TitelMynheer der Tod führt, in der Weise der alten Totentanzmaler den Tod vor, wie er rücksichtslos ins Menschenleben greift und seine Opfer sich holt. Religiöse Gedanken fehlen dabei nicht, sie entstammen aber der Humanitätsreligion, in welcher die Begriffe Erbarmen und Liebe die anderen absorbieren. Den Frieden des Todes hat vielleicht kein Lyriker so schön besungen wie Falke.

Auf dem Friedhof.

Kirchenschatten, Dämmernacht Breitverzweigter Linden, Kreuz und Kreuz so überdacht Und umSPielt von Winden.

XVIII