Aufsatz 
"Tod und Sterben" in der modernen Lyrik : eine literarische Studie mit einer Beigabe eigener Gedichte / von Bonifaz Rauch
Entstehung
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Letzter Wunsch.

Wenn ich einst sterbe, soll ein Abendrot

Mein blasses Haupt mit seinem Glanz umschlingen, Und auf den Gassen mild und glanzumloht

soll sein ein weiches, sel'ges Kindersingen.

Der blaue Flieder vor dem Fenster soll Dann rauschen zu der Mädchen Ringeltänzen, Und still mit Blüten, silbern, ruhevoll,

sollt ihr mir meine dunklen Locken kränzen.

so will ich sterben. Lächelnd blaut die Nacht. Die sterne gehn wie milde Friedensboten. Ich aber geh' in weißer Blüten Pracht sternüberloht ins dunkle Tal der Toten.

Krapp hat hier ein Gemälde geschaffen, das mit seinem leuch tenden Kolorit und seiner Märchenstimmung dem Pinsel eines Botti celli zu entstammen scheint.Nervenkunst, wenn auch edelster Art, ist auch Krapps Dichtung; sie breitet ein irisierendes LichterSPiel über den Tod, ohne an das eigentliche Problem zu rühren.

Mit denAestheten berühren sich in mancher Beziehung die Neuromantiker, ebenfalls zumeist weiche, mehr passive Naturen; naturgemäß löst bei ihnen der Gedanke an den Tod wehmütige Ge⸗ fühle aus ohne Leidenschaft oder schroffheit, zumeist das Gefühl stiller Resignation oder der Friedenssehnsucht. Hören wir Mar Geißler!

Ein Weilchen noch

Ein Wachtelschlag. Die Aehre reift, Vom weichen sommerwind gestreift. Rings Mohn im roten seidenkleid,

's ist eine stille segenszeit.

Und ist ein sonnenlichter steg,

Ein märchenstiller Dichterweg,

Der so im Aehrenrauschen geht,

Von gelben Halmen überweht.

Ein Weilchen noch und sichelklang! Lief heut ein Wind das Feld entlang, Der warf ein Mohnblatt mir ins Haar; 's war erster Gruß vom müden Jahr.

XII