Aufsatz 
"Tod und Sterben" in der modernen Lyrik : eine literarische Studie mit einer Beigabe eigener Gedichte / von Bonifaz Rauch
Entstehung
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Und wirklich tönt uns diese Auffassung des Todes entgegen aus einem dritten Gedichte Lilienerons.

Auf dem Kirchhof.

Der Tag ging regenschwer und sturmbewegt, ich war an manch vergessenem Grab gewesen. Verwittert stein und Kreuz, die Kränze alt, Die Namen überwachsen, kaum zu lesen.

Der Tag ging sturmbewegt und regenschwer, auf allen Gräbern fror das Wort: Gewesen. Wie sturmestot die särge schlummerten, auf allen Gräbern taute still: Genesen!

Gewesen⸗Genesen! Diese Gleichung klingt ganz anders als Kellers Lebensfreude oder Dehmels bakchantisches Jauchzen. Diese etwas pessimistische Auffassung vom Leben kann übrigens bei einem Dichter nicht befremden, der zwarin derber Lebenslust sich an die Welt mit klammernden Organen hielt, dem aber das Leben oft genug übel mitSPielte.

Demphysiologischen Impressionismus eines Lilieneron, der zwar sinneseindrücke überaus scharf wiederzugeben weiß, dessen seelische Empfindungen aber verhältnismäßig einfach und ungebrochen sind, steht nach der feinsinnigen Darlegung des Kulturhistorikers Karl Lamprecht derysychologische Impressionismus gegenüber, welcher die zärtesten Regungen der Psyche belauscht und die ander⸗ wärts in Bündel gefaßten Gefühle in ihre Bestandteile zerlegt und zerfasert. Es sind durchwegs echt lyrisch angelegte Naturen mehr passiver Art, keine Draufgänger, bei denen aber die Gefahr eines erschlaffenden Aesthetizismus naheliegt, welchem sich schließlich die Welt in ein SPiel von sensationen und Reizvorgängen verflüchtigt. An ihrer SPitze steht wohl Hugo von Hofmannsthal.

Erlebnis.

Mit silbergrauem Dufte war das Tal

Der Dämmerung erfüllt, wie wenn der Mond Durch Wolken sickert. Doch es war nicht Nacht. Mit silbergrauem Duft des dunkeln Tales Verschwammen meine dämmernden Gedanken, Und still versank ich in dem webenden Durchsicht'gen Meere und verließ das Leben.

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