Aufsatz 
"Tod und Sterben" in der modernen Lyrik : eine literarische Studie mit einer Beigabe eigener Gedichte / von Bonifaz Rauch
Entstehung
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An erster stelle habe der Altmeister der Erzählung, Gottfried Keller, das Wort! ö

Abendlied.

Augen, meine lieben Fensterlein,

Gebt mir schon so lange holden schein, Lasset freundlich Bild auf Bild herein: Einmal werdet ihr verdunkelt sein!

Fallen einst die müden Lider zu,

Löscht ihr aus, dann hat die seele Ruh; Tastend streift sie ab die Wanderschuh,

Legt sich auch in ihre finstre Truh.

Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend stehn, Wie zwei sternlein, innerlich zul sehn,

Bis sie schwanken und dann auch vergehn Wie von eines Falters Flügelwehn.

Doch noch wandl' ich auf dem Abendfeld, Nur dem sinkenden Gestirn gesellt; Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, Von dem goldnen Ueberfluß der Welt!

Immer hat Gottfried Keller das Leben geliebt, des Lebens frisch pulsierenden schlag und den Genuß des Lebens. Wie bei Horaz ist auch bei ihm der Weisheit letzter schluß: laetus in praesens animus quod ultra est oderit curare et amara lento temperet risu. Und mit Faust SPricht auch er:Das drüben kann mich wenig kümmern: Aus dieser Erde quillen meine Freuden, und diese sonne scheinet meinen Leiden; kann ich mich erst von ihnen scheiden, dann mag, was will und kann, geschehn! Darum erweckt auch der Ge danke an die düstere stunde des Abschieds vom Leben in ihm nur den Vorsatz so tief noch zu trinken aus dem schäumenden Becher des Lebens, als er zu fassen vermag. Aber wie unnachahmlich schön weiß der Dichter das letzte Flackern des Lebens und sein Verlöschen zu schildern und es dichterisch zu verklären!

Eine stille, erquickende Freude am Leben SPricht aus Kellers Abendlied, bakchischen Taumel erregt der Gedanke an die letzte stunde bei einem Wortführer der Moderne, bei Richard Dehmel.

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