Aufsatz 
Bestimmung der erdmagnetischen Inklination von Cassel
Entstehung
Einzelbild herunterladen

6

der Winkel in Rede nie einen ganzen Grad. Es scheint, dass bei unsern Nadeln die Koincidenz des Schwerpunkts mit der Drehungsaxe, welche, wie schon Gauss ausdrücklich bemerkt, selbst die geschicktesten Künstler nur näherungsweise bewirken können, nicht recht gelungen ist, oder es kann auch die Abweichung der magnetischen Axe von der geometrischen etwas stark aus- gefallen sein. Für letztere Vermutung spricht die geringe Länge der Nadeln, da bekanntlich die mögliche Abweichung der magnetischen von der geometrischen Axe desto grösser ist, je kürzer man die Nadeln nimmt. Die Meyerstein'schen Nadeln haben auch gewöhnlich die doppelte Länge als die unsrigen. Da die Ablesungen jedoch gute Beobachtungsreihen gaben, namentlich die Mittelwerte der einen Nadel mit denen der anderen gut übereinstimmten, so glaube ich, dass die Kombination der Beobachtungen unter mehrfach gewechselten Umständen(vergl.§ 6) die aus den erwähnten Abweichungen resultirenden Fehler eliminirt hat.

Dass das Instrument selbst Theile, welche eine magnetische Wirkung auf die Nadeln ausüben könnten, nicht enthält, ist nach Versicherung des Verfertigers ausser Zweifel.

§ 5. Ort und Zeit der Beobachtungen. Da in einem eisenfreien Raume operirt werden musste, so benutzte ich den grossen Garten hinter meiner Wohnung Kölnische Strasse 21, welcher sich bis zur Wolfschlucht erstreckt, und wählte als Standpunkt einen Platz, der möglichst weit von Gebäuden und störenden Gegenständen entfernt war, in dessen Nähe sich auch keine unterirdischen, die Magnetnadel beeinflussenden Gas- oder Wasserleitungsröhren befanden. Die geographische Position wurde nach Blatt Cassel der Niveaukarte, wie der Generalstabskarte*) von Kurhessen bestimmt zu

51⁰°19,3 n. Br. und 2709,30 ö. L. v. Ferro,

die Höhe des Beobachtungsortes zu 179,5 m über der Nordsee.

Das Instrument stand auf einem aus Backsteinen bis zur Brusthöhe aufgeführten Mauerwerke.

Die Zeit der Beobachtungen waren die Tage vom 12. bis 20. October. Von da an machte anhaltendes Regenwetter einen längeren Aufenthalt im Freien unmöglich.

§ 6. Methode der Beobachtungen. Zunächst wurde der Horinzontalkreis vermittelst der Libelle vollkommen horinzontal gestellt, so dass bei jeder Stellung des Vertikalkreises die Blase einspielte. Die Orientirung des letzteren nach dem magnetischen Meridian wurde mit Hülfe einer Deklinationsnadel bewirkt. Herr Breithaupt hatte die Güte, mir für die Dauer meiner Beobachtungen eine neue, fein gearbeitete Boussole zu leihen.

Die andere Methode, die Inklinationsnadel durch geeignete Drehung des Vertikalkreises sich vertikal stellen zu lassen und dann jenen um 900 zu drehen, erwies sich als nicht brauchbar.

Die Ruhelage der Nadel wurde durchweg nicht aus dem ruhigen Stand beobachtet, sondern zur Vermeidung von Fehlern, welche die Reibung mit sich bringt, aus Schwingungs- beobachtungen abgeleitet, in derselben Weise, wie man bei feineren Wägungen zu verfahren pflegt. Es wurden auf der einen Seite von der Ruhelage drei, auf der anderen Seite zwei Umkehr- punkte unter Abschätzung von Dritteln oder Vierteln der Theilung nach dem Augenmasse(also von 10 und 20 oder 7 ½, 15 und 22 ½) beobachtet, aus den 3 ersteren, wie aus den 2 letz- teren Beobachtungen das arithmetische Mittel genommen, und endlich das aus diesen beiden Resultaten wieder genommene Mittel als wirkliche Ruhelage angesehen.

So wurde an der oberen wie an der unteren Nadelspitze operirt, um die Fehler zu eliminiren, die daraus entspringen, dass die Kreistheilung mit kleinen Fehlern behaftet ist oder dass die Nadel nicht genau centrisch liegt. Dann wurde die Nadel herausgenommen, um 180⁰ um ihre magnetische Axe gedreht, so dass die frühere vordere Seite zur hinteren wurde, wieder eingelegt und das frühere Beobachtungsverfahren abermals zur Anwendung gebracht, um die Nichtcoincidenz der geometrischen und der magnetischen Axe der Nadel unschädlich zu machen, auch um eine seitliche Verschiebung des Schwerpunktes zu eliminiren.

*) Niveaukarte von Kurhessen auf 112 Bl. 1:25 000. Aufgenommen v. Hildebrand, lith. v. Armann. Kassel 1857. Topographische Karte v. C., aufgen. vom topogr. Bureau des Kurf. Hess. Generalstabes. 40 Bl. 1.590 00. Kassel 184055..