Aufsatz 
Ueber die Idee des Sophokles von der göttlichen Vorsehung : erste Abhandlung / von J. C. W. Steiner
Entstehung
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der goͤttlichen Strafgerechtigkeit gemacht und ihn dann ganz unſchuldig leiden laſſen; denn das iſt graͤßlich(, Ariſtoteles XIII, 2). An dem Vatermorde allerdings iſt Oedipus unſchuldig 2H; denn er wußte gar nicht, daß Laius ſein Vater war. Aber von dem Morde uͤberhaupt, von dem Morde des ihm begegnenden Reiſenden, der ſich nachher erſt als Vater aus⸗ wies, kann man ihn nicht ganz rein ſprechen; denn man ſieht aus ſeiner eigenen Erzaͤhlung(O. T. 800 813), daß er dieſen Mord recht gut haͤtte vermeiden koͤnnen. Warum wich er als Fußgaͤnger nicht bei Zeiten dem Wagen des Laius freiwillig aus, und ließ ſich unbedachtſamer Weiſe mit einem alten Manne in einen Kampf auf Leben und Dod ein, Er, der ſchon damals uͤber ſeinen wahren Vater in Ungewißheit ſeyn mußte?(780, 786, 789). Auch thut er im Jaͤhzorn ²⁰) den erſten Schlag und toͤdtet in ſeiner Wuth nicht nur den Laius, ſondern auch deſſen ganze Begleitung. So laͤßt der Dichter in dieſer That die nothwendige Beſtrafung des Vaters mit einer eeuen, willkuͤrlichen Schuld des Sohnes zuſammentreffen und in der Noth⸗ wendigkeit zugleich die Freiheit erſcheinen.

Von dieſer alſo allerdings zurechnungsfaͤhigen Ermordung nicht des Vaters, ſondern des Koͤnigs Laius geht nun das ganze Stuͤck und alles nachfolgende Elend aus. Nur durch ſie wurde es moͤglich, daß Oedipus die Koͤnigin, ſeine Mutter, heirathete und der Koͤnigs-3, nicht der Vatermord iſt es, weshalb die Goͤtter zuͤrnen und in Theben eine Seuche ſchicken

25) Er ſelbſt behauptet dieſes in dem zweiten Stuͤcke mehr als Einmal: V. 547 vé,ρꝙ αναρςεο dνdος eis 76ã99 AHoy. vgl. 975. Daß er aber dennoch nicht ganz unſchuldig iſt, war auch die Meinung des Ariſtoteles, der ihn als Beiſpiel jener mittleren Charaktere anfuͤhrt, die er fuͤr die beßten in der Tragoͤdie haͤlt (XIII, 5 und 7). Ich verſtehe es daher nicht, wenn Thierſch S. 133 ſagt: Oedipus iſt nicht rein tragiſch, wie Ariſtoteles den Helden haben will; er iſt nicht ſchlecht; er iſt gut. 26) Heftigkeit und Starrſinn iſt ein Hauptzug in dem ſonſt ſo edlen Charakter des Oedipus, und ſeine Tochter Antigone iſt ihm hierin aͤhnlich(Antig. 471). Seine Leidenſchaftlichkeit zeigt ſich beſonders in ſeinem Benehmen gegen Tireſias und Kreon(O. T. 405, 550, 617, 674) und beſchleunigt ſeinen Untergang. Auch an ſeiner Blendung iſt ſie Schuld(O. K. 438, beſonders aber 1198).