Aufsatz 
Ueber die Idee des Sophokles von der göttlichen Vorsehung : erste Abhandlung / von J. C. W. Steiner
Entstehung
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(O. T. 103, 106, 255 259). Indem Oedipus den Thaͤter verfucht, verflucht er, ohne es zu wiſſen, ſich ſelbſt(O. T. 820), und die Strafe der Verbannung trifft ihn mit vollem Rechte; denn er iſt Koͤnigsmoͤrder(O. T 1381). Daß er zugleich als Vatermoͤrder erfunden wird das hat er nicht verdient und die Blendung, die er deshalb in der Verzweifelung an ſich veruͤbt, i*ſt, wie er ſelbſt ſagt, eine haͤrtere Strafe, als er je verſchuldete(O. K. 439).

Aber die Goͤtter ſind gerecht. Oedipus konnte fehlen aus Irrthum und Uebereilung, doch im Ganzen iſt er ein großer, edler Menſch. Nachdem er daher fremde und eigene Schuld mehr als genug abgebuͤßt hat, und durch lange Leiden gepruͤft und gelaͤutert 27) iſt, erhoͤhen und verklaͤren ihn dieſelben Goͤtter, die ihn fruͤher verfolgten(O. K. 394, 1567.) und Dike bringt die Wage des Verdienſtes und der Belohnung in Gleichgewicht. Dieſe voll⸗ kommene Ausgleichung durch die goͤttliche Gerechtigkeit, wie ſie am Schluſſe mehrerer Tragoͤdien 28) zur Anſchauung gebracht wird, iſt ein vortrefflicher Gedanke des Dichters. Er loͤſet auf dieſe Weiſe ſchon hienieden die Dishar⸗ monieen auf, deren Aufloͤſung wir Chriſten von einem Jenſeits erwarten. Nirgends aber iſt die endliche Verherrlichung der hartgepruͤften Tugend ſo goͤttlich ſchoͤn wie im Oedipus zu Kolonos dargeſtellt und mit Recht nannte es ſchon Cicero ⸗5) mollissimum carmen.

(Fortſetzung folgt.)

27) O. K. 7, 105, 287, wo er ſagt:rein erſchien ich und heilig hier. Das ſprechendſte Zeugniß fuͤr ſeine Reinheit liegt aber darin, daß die allen andern Menſchen ſo furchtbaren Erinnyen den muͤden Pilger in ihrem eigenen Haine ſeine Ruheſtaͤtte finden laſſen.

28) Dahin gehoͤrt außer dem Oedipus beſonders Philoktet und Elektra. Die Erhoͤhung des Herakles iſt mehr chriſtlich gedacht.

29) Cic. de fin. 5, 1.