Aufsatz 
Ueber die Idee des Sophokles von der göttlichen Vorsehung : erste Abhandlung / von J. C. W. Steiner
Entstehung
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ſinn auch keinesweges verdient hat, ſo ſoll ihm dennoch wegen ſeines ſonſtigen hohen Werthes die Verzeihung und Verſohnung der Athene noch nach ſeinem Tode kund werden. Die Göoͤttin erſcheint zwar ſelbſt nicht wieder, aber ihr Liebling Odyſſeus handelt in ihrem Sinne. Wie Aias im Leben es hart empfunden hatte, wohin unbeſonnene, ruͤckſichtsloſe Feindſeligkeit fuͤhrt, ſo ſollte er es auch nach dem Tode an ſich ſelbſt erfahren durch die wenigſtens hierin ihm ganz aͤhnlichen Atriden. Aus Rachſucht verbieten ſie die Beſtat⸗ tung ſeines Leichnams und gerathen dadurch mit ſeinem Bruder in einen Wortwechſel, der ſo heftig und leidenſchaftlich wird, daß man dieſe Scene ſchon oft weggewuͤnſcht hat. An ſich iſt ſie allerdings haͤßlich. Aber wie haͤtte der Dichter ohne eine ſolche Scene die hohe Beſonnenheit und den edlen Sinn des Odyſſeus ſo herrlich durch die That bewaͤhren koͤnnen, was mir doch ein Hauptzweck dieſer Tragoͤdie zu ſeyn ſcheint ²o0)? Ohne Streit bedurfte es keines Schiedsrichters und je mehr die Atriden in Schatten treten, deſto heller leuchtet des Odyſſeus Tugend hervor. Er ſoll nach der Abſicht des Dichters den Gegenſatz bilden, nicht nur zu ihnen au), ſondern als zweite Hauptperſon des Stuͤckes auch zu Aias; er ſoll die fruͤhere gehaͤſſige Schilderung ſeines

20) Einzelne Aeußerungen im Eingange der Tragoͤdie(121. ff.) konnten nicht(wie Jacob meint p. 184) fuͤr dieſen Zweck dem Dichter genuͤgen. Es heißt hier, wie im Leben: an ihren Thaten ſollt ihr ſie erkennen! Haͤtte uͤbrigens Thierſch jenen Zweck mehr beachtet, ſo wuͤrde er wohl nicht uͤber einen matten Schluß des Gedichtes geklagt und eine der ſinnvollſten Tragoͤdien nicht fuͤr die am wenigſten gelungene des Sophokles erklaͤrt haben.

21) Ueberhaupt liebt es Sophokles durch einen ſolchen Gegenſatz ſeine Perſonen ſchaͤrfer zu charakteriſiren. Ich erinnere nur an Theſeus und Kreon, Neopto⸗ lemus und Odyſſeus, Antigone und Ismene, Elektra und Chryſothe⸗ mis. In den Choephoren des Aeſchylus iſt keine Chryſothemis, weil dort Elektra nicht ſo feſt und kraͤftig gezeichnet werden ſollte. Im Großen bildet der Chor durch ſeine Ruhe einen ſolchen Gegenſatz zu den handelnden Perſonen, aber auch dieſer Gegenſatz erſcheint am reinſten bei Sophokles, da Aeſchylus ihn durch zu große Theilnahme des Chores an der Handlung zuweilen ganz aufhebt.