Aufsatz 
Ueber die Idee des Sophokles von der göttlichen Vorsehung : erste Abhandlung / von J. C. W. Steiner
Entstehung
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wird, ſondern faſt alle ſophokleiſche Tragoͤdien ganz durchdringt. Sehr war⸗ nend und belehrend iſt dieſe Idee im Aias zur Anſchauung gebracht.

Aias iſt ein Mann von großem Werthe: klug, edel und kraftvoll wie Wenige(120, 481, 1355, 1416): nach dem Zeugniß ſeines Todfeindes der tapferſte aller Argiver vor Troia naͤchſt Achill(1340). Sein einziger Fehler iſt, daß er dieſes ſelbſt zu ſehr fuͤhlt(424, 364, 551¹) und in ungemeſſenem Hochmuth und Ehrgeiz Alles außer ſich fuͤr nichts achtet und ſogar von den Goͤttern ſich unabhaͤngig glaubt.Mit den Goͤttern, ſagt er(767), kann auch wohl der Nichtige den Sieg erlangen; Ich getraue mir an mich zu reißen ſolchen Ruhm auch ohne ſie! Wie konnte er es ſich alſo nur moͤg lich denken, daß man die glorreiche Ruͤſtung des hingeſchiedenen Achilleus einem Andern als ihm zuerkennen werde!(444). Doch nein, die Atriden geben ſie nach richterlichem Ausſpruch(1136, 1243) dem Odyſſeus,dieſem ſchmutzi⸗ gen Laͤſterbuben und Raͤnkeſpinner, des Heeres Ausbund, wie Aias ihn nennt(381, 445). Daß nun ein Mann wie Aias, von dieſem uͤbertriebenen Selbſtgefuͤhl und brennendem Ehrgeiz, durch eine ſo oͤffentliche, unerhoͤrte Kraͤnkung um ſeinen Verſtand kommt und durch die hinzutretende Rachſucht zu wahnſinnigen Handlungen verleitet wird, iſt, wie ich glaube, in der menſch⸗ lichen Natur und in der Erfahrung ſehr wohl begruͤndet. Aber ſo wie es Sophokles uͤberhaupt liebt, in dem Natuͤrlichen zugleich das Goͤttliche zu offen baren, ſo laͤßt er auch hier den ganz naturgemaͤßen Wahnſinn zugleich von der Goͤttin der Beſonnenheit Athene ausgehen. Gerade ſie hat Aias durch ſeinen Uebermuth gegen Goͤtter und Menſchen in ihrem Weſen verletzt; ſie muß ihm zuͤrnen oder aufhoͤren dieſe Goͤttin zu ſeyn. Doch nicht unverſoͤhn⸗ lich iſt Athene; nur Einen Tag zuͤrnt ſie und verheißt ihm nach dieſem Ret tung(756, 779). Aber Aias, zur Beſonnenheit gekommen, endet durch Selbſtmord. Sein Wahlſpruch: edles Leben oder edler Untergang! (479) mußte ihm den Tod bringen.

Obgleich er ſich aber auf dieſe Weiſe der goͤttlichen Gnade auf Erden ſelbſt entzogen und dieſelbe durch ſeinen bis zuletzt behaupteten eiſernen Starr⸗