Aufsatz 
Ueber die Idee des Sophokles von der göttlichen Vorsehung : erste Abhandlung / von J. C. W. Steiner
Entstehung
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Ungluͤck weder Furcht, noch Mitleid empfinden koͤnnen.(Aristoteles de arte peetica ed. Hermann cap. XIII.§. 4.). Wir ſollen dieſes auch nach der Abſicht des Dichters nicht fuͤr jene beiden empfinden, ſondern nur fuͤr den Hauptcharakter, Elektra. Alle Hauptcharaktere im Sophokles ſind, wie ſie Ariſtoteles(XIII, 5 7) haben will: Menſchen von hohem ſittlichen Werthe oder doch mehr gut als boͤſe, die alſo nicht durch Schlechtigkeit(Jid aeniæy nan o ℳ,n1a*) in's Ungluͤck gerathen, ſondern durch menſchlichen Irrthum und Fehl(Aεαετæν). Nur mit ſolchen koͤnnen und ſollen wir ſympathiſiren. Dieſe Groͤße und doch zugleich dieſe Gebrechlichkeit nicht nur des einzelnen Menſchen, ſondern der menſchlichen alſo auch unſerer Natur, dieſes iſt das Tragiſche, was unſer Gemuͤth ſo maͤchtig ergreift: humani nihil a me alie- num puto.(cf. Ai. 121 126.). Durch dieſen ernſten Blick in unſere Natur will uns der Dichter zur Beſonnenheit und Weishcit fuͤhren, und dies eben hat Ariſtoteles, wie ich glaube, unter jener vielbeſprochenen Reinigung der Leidenſchaften verſtanden, die er fuͤr den Zweck der Tragoͤdie erklaͤrt (VI, 2.). Vor Allen war Sophokles dieſes Zweckes ſich klar bewußt. So wie er ſelbſt in kuͤnſtleriſcher Beſonnenheit als unuͤbertroffenes Muſter daſteht, ſo preiſet er auch die Beſonnenheit im Leben als das hoͤchſte der Guͤter, ohne welches ſelbſt die herrlichſten Eigenſchaften des Geiſtes und Herzens den Men- ſchen nicht vor dem Sturze ſichern. Es iſt dies ein Hauptgedanke des Dich⸗ ters, der nicht nur an einzelnen Stellen(Antig. 1050, 1243, 1348. El. 1016) beſonders von dem Chore, als dem Vorbilde der Beſonnenheit, ausgeſprochen

fuͤrchten(Trach. 297); drum preiſe Niemand, eh du ſeinen Tod geſehn (aus dem Tereus, vgl. Trach. 4 O. T. 1528). 2 Dieſe Hinfaͤlligkeit ſoll uns aber nicht muthlos machen, ſondern beſonnen(Ai. 127, Phil. 506). Es bleibt uns dennoch etwas Unvergaͤngliches: Die Froͤmmigkeit, ſagt Herkules(ein guter Gewaͤhrsmann!), die Froͤmmig⸗ keit erſtirbt nicht mit den Menſchen; leben ſie, oder ſterben ſie, ſie geht nicht unter.(Phil. 1443). Eben ſo heißt es in einem Bruchſtuͤck aus der Eriphyle: Das Gut der Tugend iſt allein unwandelbar.