Aufsatz 
Ueber die Idee des Sophokles von der göttlichen Vorsehung : erste Abhandlung / von J. C. W. Steiner
Entstehung
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9 (957). Da erſcheint der todtgeglaubte Oreſtes und es tritt eine Wieder⸗ erkennungsſcene ein, die zu dem Schoͤnſten gehoͤrt, was je gedichtet iſt. Ore⸗ ſtes iſt nicht, wie bei Aeſchylus 14), durch angedrohete fuͤrchterliche Strafen von Apollo zur That gezwungen, ſondern er war fuͤr dieſelbe erzogen und von ſelbſt entſchloſſen, noch ehe er das pythiſche Orakel um die Art und Weiſe der Ausfuͤhrung um Rath fragte und durch daſſelbe in ſeinem Vorſatz beſtaͤrkt und ermuntert wurde(70, 1156, 33, 70, 1264, 1425). Daß auch ohne dieſes die That haͤtte erfolgen koͤnnen, hat uns der Dichter durch die meiſter⸗ hafte Entwickelung aller reinmenſchlichen Motive in der Perſon der Elektra im hoͤchſten Grade wahrſcheinlich gemacht. Elektra kennt kein Orakel 150, als das in der eigenen Bruſt, jenes allgemeine goͤttliche, wie menſchliche Geſetz, wel ches den Verbrecher zu ſtrafen und den Vater zu raͤchen gebot.(1096 vgl. 1080). Wenn dieſe, ſagt ſie, Nicht abzahlen ſuͤhnendes Todesrecht, Ganz ſinkt die Scham dann, Und Frommheit ganz bei allen Menſchen. . V. 247. Daher hat auch Klytaͤmneſtra ſchon lange von ihr und dem Sohne den Un⸗ tergang gefuͤrchtet: Wader naͤchtlich konnte noch des Tages ich Je ſuͤßen Schlaf herbergen; denn es brachte mir Die naͤchſte Zukunft immer ſchon den Tod heran. Klytaͤmneſtra V. 780 vgl. 603. Aber die Ermordung der eigenen, auch der verruchteſten Mutter hat immet etwas Graͤßliches und Unnatuͤrliches, und bloß um dieſes zu mildern, hat Sophokles einem uralten Gebote die ſpecielle goͤttliche Beſtaͤtigung fuͤr den Oreſtes hinzugefuͤgt. Aus derſelben Humanitaͤt laͤßt er auch die Klytaͤmneſtra fruͤher als den Aegiſthus tödten 16) und zwar raſch und einſylbig, indem die 14) dgl. Bluͤmner uͤber die Idee des Schickſals in den Tragoͤdien des Aeſchylus S. 54, 146 und 147. 15) Sie erfaͤhrt es erſt V. 1264.. 16) Dies hat ſchon Jacob bemerkt Sophocleae Quaestiones p. 220.