Aufsatz 
Ueber die Idee des Sophokles von der göttlichen Vorsehung : erste Abhandlung / von J. C. W. Steiner
Entstehung
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mythiſchen Periode uͤberliefert. Da nun dem noch unklaren religioͤſen Bewußt⸗ ſeyn dieſer Periode die Idee eines Fatums eigenthuͤmlich angehoͤrte, ſo fand der Dichter dieſe Idee mit dem Stoffe nicht ſelten ſchon innig verwebt: ſo mit jenen Graͤuelthaten der Pelopiden und Labdakiden, welche der kindliche, humane Sinn der Vorwelt nicht aus reinmenſchlichen Triebfedern hatte ableiten koͤnnen. Aber ſelbſt in ſolchen, ſchon in der Geburt ſchickſalsſchwangern Fabeln hat Sophokles von dem Fatum keinen Gebrauch gemacht, wie in der Elektra und Antigone; oder wenn er alle Spuren deſſelben nicht verwiſchen konnte, ſo iſt doch ſeine eigenthuͤmliche hoͤhere Anſicht nicht zu verkennen, wenn man nur auf die Idee und den Ausgang des Ganzen ſein Augenmerk richtet. Man wird dann finden, daß Sophokles kein Fatum als weltregierende Macht anerkennt, weder ein ſolches, das wie in Aeſchylus Prometheus uͤber den Goͤttern ſteht, noch auch ein Fatum ſelbſtſtaͤndig neben den Goͤttern, ſondern daß ihm die Goͤtter ſelbſt und nur ſie es ſind, die nicht etwa nach blinder Willkkuͤhr, ſondern als ſittlich freie Maͤchte nach den Geſetzen der Vernunft und des Rechts H die Welt regieren. Ein ſo menſchenfeindlicher Goͤt⸗

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Sehr oft ſpricht Sophokles von ungeſchriebenen, ewigen, unwandelbaren goͤtt⸗ lichen Geſetzen: Ant. 454, Ai. 1130, El. 1096 und 1506, beſonders aber O. T. 865, wo er ſie nenntdie hocherhabenen Geſetze, in des Aethers himmliſchem Be⸗ zirk erzeugt vom Vater Olympos allein; die nicht Menſchen in Vergaͤnglichkeit ge⸗ baren, die nie einſchlaͤfert die Zukunft; maͤchtig iſt in ihnen Gott, nimmer⸗ dar alternd. Nicht alſo blinder Zufall(Tyche) regiert die Welt, wie in derſelben Tragoͤdie(977) die leichtſinnige Jokaſte meint, aber bald darauf durch ihr eigenes Schickſal widerlegt wird.

5) Da nun dieſe goͤttlichen Geſetze zugleich die allgemeinen Geſetze der menſchlichen Natur ſind, ſo konnte es dem Ariſtoteles genuͤgen, ſich an dieſe letztere zu halten und darauf zu dringen, daß Alles natuͤrlich und wahrſcheinlich zugehen muͤſſe. Er kommt dadurch keinesweges mit dem Sophokles in Widerſpruch. Alles iſt bei dieſem goͤtt⸗ lich und doch menſchlich zugleich und keine ſeiner Tragoͤdien ſo wunderbar, daß ſich ihr Gang nicht zugleich reinnatuͤrlich erklaͤren ließe. Durch ſeine Goͤtter hat er die Menſchen nie zu unfreien, willenloſen Weſen herabgewuͤrdigt, ſondern mit groͤßerer Kunſt als Aeſchylus entwickelt er die menſchlichen Beweggruͤnde zu jeder Handlung.