Aufsatz 
Ueber die Idee des Sophokles von der göttlichen Vorsehung : erste Abhandlung / von J. C. W. Steiner
Entstehung
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Dichter es keinesweges fuͤr ganz nothwendig angeſehen haben, was ſchon daraus hervorgeht, daß ſie in manchen Tragoͤdien gar keinen Gebrauch davon machen: ſo ſelbſt Aeſchylus in den Schutzflehenden. Offenbar hat Ari⸗ ſtoteles bei ſeinen Kunſtlehren vorzugsweiſe den Sophokles als Muſter vor Augen gehabt, und dieſer Dichter ſcheint mir noch weit weniger als Aeſchylus der Idee eines Fatums geneigt geweſen zu ſeyn, was aus der geiſtigen Eigen- thuͤmlichkeit beider nicht ſchwer zu erklaͤren ſeyn moͤchte. Schon das iſt charak teriſtiſch, daß die Moira 3), die in den Tragoͤdien des Aeſchylus als ſelbſt⸗ ſtaͤndige Macht ſo haͤufig vorkommt, bei Sophokles nur an ſehr wenigen Stellen erwaͤhnt wird. Aus einer ſolchen Erwaͤhnung aber, und uͤberhaupt aus einzelnen Aeußerungen der handelnden Perſonen und ſelbſt des Chores laͤßt ſich nicht ſogleich ſchließen, daß auch der Dichter an ein Fatum glaubt, ſondern dieſes kann nur aus der Anlage und Ausfuͤhrung des ganzen Stuͤckes mit Sicherheit erkannt werden. In der Anlage des Stuͤckes hatte jedoch der Tragiker nicht immer vollkommene Freiheit. Der Stoff war ihm aus der

3) Moira iſt Vorſteherin des blinden Fatums cf. Hermann ad Phil. 1468 ed. Brunck. Wie an dieſer Stelle im Philoktet kommt ſie auch Trachin. V. 850 vor (v. 332 ϑeωαυμσσαε); doch iſt in beiden Tragoͤdien nicht ſie, ſondern Zeus die entſcheidende Macht(Trach. 1278. ogl. 169, Phil*00, 1415 vgl. 196). In der Antigone nennt der Chor 987 die Meloa, argaiwyes und ſpricht 951 von einer Hacigdia AUyoαν dewe(vgl. 1337.). Aber in dem Stuͤcke ſelbſt erfolgt nichts durch Verhaͤngniß, ſondern es handeln und leiden beide Hauptperſonen durch die freieſte Selbſtbeſtimmung. Da der Chor das Volk vorſtellt, ſo ſind auch ſeine Ausſpruͤche oft weiter nichts, als die gemeine Volksanſicht. Die der Mos α verwandte Alo«z« erinnere ich mich nicht, bei Sophokles als Perſon gefunden zu haben, außer in einem Fragmente aus der Phaͤdra(Sophokles Bruchſtuͤcke von G. C. W. Schneider S. 95). Deſto haͤufiger kommt bei ihm der dνμόν

vor, worunter entweder die Gottheit ſelbſt, beſonders Zeus, verſtanden wird

(Phil. 1468. O. K. 1766, 1370, 1443, 1567. O. T. 828, 1479. El. 1306, daher dæloes fuͤr Heo, Antig. 283, Phil. 447), oder das von ihr, nicht von einem Fatum, geſandte Loos O. T. 1194, O. K. 1337, El. 999, aus welcher letz⸗ teren Stelle man zugleich erſieht, daß es nicht geradezu ungluͤckliches Loos be⸗ deutet, wie Valckenaer ad Euripidis Hippolytum v. 809 ſagt.