Aufsatz 
Ueber die Idee des Sophokles von der göttlichen Vorsehung : erste Abhandlung / von J. C. W. Steiner
Entstehung
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In ſeiner Seele traͤgt der Menſch den Boden ſelbſt, Allwo er Frohes ziehet and Betruͤbtes anch. Sophokles. 1)

Manche Gelehrte ſind noch immer der Meinung, daß in den griechiſchen Tra⸗ goͤdien ein blindes Fatum herrſche. Auch in der neueſten Schrift) uͤber die⸗ ſen Gegenſtand, die beſonders auf den Sophokles Ruͤckſicht nimmt, wird dies Fatum fuͤr eine der wichtigſten Eigenthuͤmlichkeiten jener Tragoͤdien erklaͤrt, und geſagt,daß es als ewige Macht die Zukunft mit allem ihren Werden unabaͤnderlich voraus beſtimmt; daß es den Kampf mit den Sterblichen ſucht, auch mit den unſchuldigen und gluͤcklichen, weil es ihm unertraͤglich iſt, jeman den ohne Wechſel gluͤcklich zu ſehen; daß es alle innere und aͤußere Freiheit des Menſchen aufhebt und ihn zu einem wachenden Traͤumer macht u. ſ. w.

Durch eine ſo graͤßliche Schickſalsidee empoͤrt beſchloß ich, den Sopho kles noch Einmal im Zuſammenhange durchzuleſen und ihn auf immer zu ver abſchieden, wenn ich jene Idee bei ihm ſollte beſtaͤtigt finden. Die durch dieſe Lektuͤre gewonnene Anſicht werde ich in dieſen Blaͤttern darzulegen verſuchen. Aus Mangel an Raum kann ich indeß Manches nur andeuten, was ich anderswo weiter auszufuͤhren gedenke.

Man hat ſich gewundert, daß Ariſtoteles in ſeiner Poetik das von den Neueren ſo viel beſprochene Fatum nirgends erwaͤhnt hat, ſo oft ſich auch dazu die Gelegenheit darbot. Aber ſpricht denn eben dieſes Schweigen nicht beredt genug die Meinung des Philoſophen aus? Er hat es nicht erwaͤhnt, weil er es fuͤr etwas Außerweſentliches hielt und weil er fand, daß auch die

1) in einem Fragmente, nach Solger's Ueberſetzung S. 296. 2) B. Thierſch uͤber das Schickſal in den griechiſchen Tragoͤdien, in Seebodes N. Archiv f. P. u. P. 1826. Nr. XXVII.