Aufsatz 
Über das Wesen der Tragödie / [Karl] Rossel
Entstehung
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kann ſie der reinen Pietät nicht anders Genuͤge thun, als indem ſie das Geſetz, dem ſie als Buͤrgerin Gehorſam ſchuldig iſt, verletzt. Wenn ihr daher, weil ſie das Geſetz uͤbertrat, die Todesſtrafe zu Theil wird, ſo iſt dieſes Verfahren keineswegs nur die That bloßer Willkuͤr. Auch Kreon erſcheint als Repraͤſen⸗ tant einer ſittlichen Macht; denn Polyneikes, der mit einem fremden Heere gegen Theben anruͤckte, um die eigne Vaterſtadt zu zerſtoͤren, hat ſich dadurch ſchwer verſuͤndigt, und der Koͤnig iſt befugt, durch Verweigerung der Beſtattung der Leiche des Frevlers die verdiente Strafe an ihm auszuuͤben. Doch auch Kreon, der ſeiner Seits Vater und Gatte iſt, muͤßte die Heiligkeit des Bluts reſpektiren, und nicht das befehlen, was dieſer Pietaͤt zuwider laͤuft. Daher offen⸗ bart denn die in dieſer Tragoͤdie dargeſtellte Handlung deutlich genug, wie im gegenwaͤrtigen Leben auch die reinſte Sutlichkeit in feindlichen Gegenſäͤtzen, wie in denen des goͤttlichen und weltlichen Rechts, ſich aͤußert.(Bohtz Idee des Trag. S. 92. Weiße Syſtem der Aeſthetik II. S. 328.) Dieſes Raͤthſel des menſchlichen Daſeins kann aber erſt da ſeine Loͤſung finden, wo jene ſittlichen Maͤchte, die in der Tragoͤdie ſich noch bekaͤmpfen, von ihrem Gegenſatz befreit und in einem Hoͤheren ausgeſoͤhnt ſind Daher iſt unſere Tragoͤdie mit dem Tode der Heldin noch nicht zum Schluſſe gelangt. Bevor derſelbe wirklich ein⸗ treten kann, muß Kreon durch den Tod ſeines Sohnes und ſeiner Gattin recht ſchmerzhaft erfahren, daß er, indem er einſeitig allein dem Intereſſe des Staats nachhing, gegen die heiligen Pflichten der Familienpietaͤt ſuͤndigte.(Hegels Phaͤnomenol. des Geiſtes S. 356). Denn obſchon Kreon nicht, wie Antigone, den begonnenen Fehl mit dem Tode buͤßt, ſo erſcheint doch der Zuſtand des ganz in Schmerz und Verzweiflung aufgeloͤßten Greiſes ungleich bejammerns⸗ wuͤrdiger und elender, als die durch den Opfertod wahrhaft verklaͤrte Heroin. Nur darf dieſe Verherrlichung nicht als das Reſultat des in der Tragoͤdie dargeſtellten Kampfes betrachtet werden; dies iſt vielmehr etwas Hoͤheres, der Hinblick auf jene heilige Macht, die, uͤber alle das menſchliche Leben verwir⸗ renden Gegenſaͤtze erhaben, als der Grund und die alleinige Wahrheit der ſitt⸗ lichen Welt ſich zeigt..

Schoͤner noch, als dieſe mehr aͤußerliche Weiſe des Ausgangs iſt die innerliche Ausſoͤhnung, von der wir in dem Sophokleiſchen Oedipus auf Kolonos das vollendetſte antike Beiſpiel beſitzen. Er hat die Graͤuelthaten des Vatermordes und der Blutſchande mit der eigenen Mutter ausgeuͤbt, aber unwiſſend. Dieſe bewußtloſen Verbrechen machen ihn nicht ungluͤcklich; aber der alte Raͤthſelloͤſer erzwingt ſich ſelbſt das Wiſſen uͤber ſein eigenes dunkles Schickſal und damit das furchtbare Bewußtſein ſeiner Suͤndenſchuld. Mit dieſer Aufloͤſung des Raͤthſels an ihm ſelber hat er, wie Adam, als er zum Bewußt⸗ ſein des Guten und Boͤſen kam, ſein Gluͤck verloren. Inſofern er nun zwar unwiſſend jene Graͤuel beging, inſofern iſt er unſchuldig. Aber dennoch klagt

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