Aufsatz 
Über das Wesen der Tragödie / [Karl] Rossel
Entstehung
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das eigene Gewiſſen ihn unaufhoͤrlich an, und nichts vermag dem Elenden den inneren Frieden wieder zu geben; denn das Geſchehene kann nicht ungeſchehen gemacht werden. Wie der alte Koͤnig im Innern ganz niedergebeugt iſt, ſo erſcheint auch ſeine aͤußere Lage jammervoll; denn als ein Scheuſal, uͤber wel⸗ ches er ſelbſt einſt in ſeiner Unwiſſenheit den haͤrteſten Fluch geſprochen, iſt Oedipus aus dem Vaterlande verſtoßen, ein des Augenlichtes beraubter Bettler, der von den Toͤchtern geleitet, nur mit Muͤhe ſein Leben vor dem Hungertode bewahren kann. 4

Doch der Schwerbelaſtete, waͤhrend ſeines Lebens ſo tief Niedergebeugte muß bei ſeinem Ausgang aus dem Leben wie zum Heiligen verklaͤrt werden. In dem Hain jener furchtbaren Eumeniden ſelbſt ruft ein Gott den lebensmüden Greis zu ſich in das Jenſeits; ſein blindes Auge wird hell; ſeine Gebeine wer⸗ den zum Heil, zum Horte der Stadt, die ihn gaſtfrei aufnahm.(Solger Nachgel. Schriften II. S. 468). Dieſe Verklaͤrung im Tode iſt ſeine und unſere Verſoͤhnung ſelber; eine Aufloͤſung des Ganzen, die in dem Bewußtſein, daß im Opfertode das Menſchliche verklaͤrt und in die uͤberirdiſche Welt aufgenom⸗ men wird, auffallend an chriſtlich religioͤſe Vorſtellungen erinnert.

Es iſt alſo hier, wie in allen wirklich tragiſchen Darſtellungen, das Lei⸗ den und ſelbſt der dRebrgan des Schoͤnen nicht ohne Erhebung, weil die Kunſt, wie ſie das Menſchliche als ſolches untergehen laͤßt, zugleich die Reinigung des Irdiſchen von dem Unwahren, Nichtigen hervorbringt, ſo daß im Opfertode, den das Endliche erleidet, ſeine Ausſoͤhnung mit der jenſeitigen Welt der an⸗ ſchauenden Phantaſie offenbart wird. Und ſo begreifen und empfinden wir denn auch die volle Wahrheit jenes Dichterwortes:

Was unſterblich im Geſang ſoll leben, Muß im Leben untergehn!