Aufsatz 
Über das Wesen der Tragödie / [Karl] Rossel
Entstehung
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wieder mit Beziehung auf die im erſten Abſchnitt dargelegten Gruͤnde mit Ent⸗ ſchiedenheit darauf beſtehen, daß dem Charakter des Kunſtwerks gemaͤß die tra⸗ giſchen Motive innerhalb der Handlung ſelbſt emporkeimen, ſich verwickeln und aufloͤſen muͤſſen, worauf dann, aber auch nur dann erſt, eine korreſpondirende Laͤuterung im Gemuͤthe des Zuſchauers, eine d.Sαασ im Sinne Leſſings um ſo weniger ausbleiben kann, in je hoͤherem Grade der tragiſche Dichter es verſteht, durch gehobene Charaktere, gelungene Darſtellung und lebendige Schoͤp⸗ ferkraft das Gedicht zu heben und ſeine Welt zu ſteigern. In dieſem Sinne findet denn auch dasjenige ſeine Anwendung, was Raumer a. a. O., Bohtz (die Idee des Tragiſchen 1836 S. 58) u. Andere uͤber die Reinigung der Lei⸗ denſchaften, nur als vermeintliche Auslegung der Worte des Ariſtoteles Treffen⸗ des bemerkt haben. Furcht und Mitleid ſind allerdings das gemeinſame Element der Reinigung, deſſen alle Leidenſchaften beduͤrfen; beide Affekte beruhen ja in jener wehmuͤthigen Ueberzeugung von unſrer und aller Menſchen Gebrechlichkeit; nur daß wir im Mitleid, rein objektiv, dieſe Gebrechlichkeit und Unzulaͤnglichkeit menſchlicher Kraft bloß an anderen wahrnehmen, in der Furcht dagegen, reflexiv ſubjektiv, in Bezug auf uns ſelbſt, in uns und fuͤr uns. Alle Leidenſchaften werden gereinigt, ſofern ſie durch dieſe Doppelbeziehung hindurchgehen; keine kann ohne dieſe Vermittlung eine aͤchte Reinigung, eine verſoͤhnende Beruhigung er⸗ fahren. Wo die Theilnahme nicht bis zu dieſen beiden Gefuͤhlen geſteigert wird, da kommt keine tragiſche Wirkung, keine Reinigung zu Stande.

Alle dieſe moraliſchen Wirkungen im Gemuͤthe des Zuſchauers muͤſſen aber, wie geſagt, nur Ausfluͤſſe aus einer und derſelben Quelle ſein, Reflexe des poetiſchen Charakterbildes, das wir vor unſern Augen kaͤmpfen, leiden und unterliegen ſehen. Der tragiſche Charakter muß demnach, wenn er in uns ſo Gewaltiges wirken ſoll, zunaͤchſt in ſich ſelbſt gehaltvoll und tuͤchtig ſein. Denn nur ein wahrhafter Gehalt ſchlaͤgt in die edle Menſchenbruſt ein und erſchuͤttert ſie in ihren Tiefen. Ueber der bloßen Furcht und Sympathie aber, die jedes wahrhaft tragiſche Leiden erregt, ſteht das Gefuͤhl der Verſoͤhnung, das die Tragoͤdie durch den Anblick der ewigen Gerechtigkeit gewaͤhrt, welche in ihrem abſoluten Walten durch die relative Einſeitigkeit menſchlicher Zwecke und Leidenſchaft hindurch greift, weil ſie nicht dulden kann, daß der Konflikt und Widerſpruch der ihrem Begriff nach einigen ſittlichen Maͤchte in der wahrhaften Wirklichkeit ſich durchſetze und Beſtand erhalte. 3

Dieſe Ausſoͤhnung kann nun entweder auf aͤußerliche, oder mehr auf inner⸗ liche Weiſe geſchehen, wie wir es in zweien der vortrefflichſten Tragoͤdien des helleniſchen Alterthums, in der Antigone und dem Oedipus auf Kolonos ſo meiſterhaft durchgefuͤhrt ſehen. So lebt z. B. Antigone in der Staatsgewalt Kreons; ſie ſelbſt iſt Koͤnigstochter und Braut des Haͤmon, ſo daß ſie dem Gebot des Fuͤrſten Gehorſam zollen ſollte. Wie aber Ait Jihs geſtellt iſt,