Aufsatz 
Über das Wesen der Tragödie / [Karl] Rossel
Entstehung
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Dasſelbe zeigt ſich imHam let», jenem Gedankentrauerſpiel, wie es Schlegel(dramat. Vorleſ. III S. 146) ſo treffend bezeichnet. Hamlets ebenſo ſchoͤner als gediegener Geiſt ringt überall nach jener Herrſchaft, die der Gedanke uber den Willen, uͤber den Gang des ganzen menſchlichen Lebens behaupten ſoll. Dennoch gelingt es ihm nicht, ſein Ziel zu erreichen. Die endliche Schwaͤche und Unſicherheit treibt ihn uͤberall aus ſeiner Bahn; unvorhergeſehene Ereig⸗ niſſe machen ſeine Plane zu Schanden. So handelt Hamlet, wo er immer handelt, nicht in freier beſonnener Thaͤtigkeit, ſondern hinge iſſen von leiden⸗ ſchaftlicher Hitze oder der Macht des Augenblicks. Ohne hinreichenden Grund, in der erſten Aufwallung des Gefuͤhls ſagt er ſich los von Ophelia's Liebe, die er ſelbſt gepflanzt und genaͤhrt hat; raſch und unbeſonnen mordet er den alten Narren Polonius ſtatt des verbrecheriſchen Koͤnigs und ladet ſo auch die Schuld an Ophelia's Wahnſinn und Tod auf ſich. Dafur trifft ihn ſelbſt der tragiſche Untergang, der ihn ſo ſchnell und unerwartet ereilt, daß er kaum Zeit behaͤlt, der ſo lange bedachten That in Haſt und Eile ſich zu entledigen. Und ſo gehen alle Perſonen bis auf einen unter, hier an Schwaͤche und Unſicherheit, dort an Falſchheit und Anmaßung. Dem Weſen des Tragiſchen waͤre aber keineswegs Genuͤge geſchehen, wenn der Zuſchauer entlaſſen worden waͤre mit der unbeantworteten Frage: warum denn hier ein ſo edles und maͤchtiges Koͤnigsgeſchlecht ſo voͤllig dem Untergange Preis gegeben ſei? Dies muß ſeine innere Nothwendigkeit haben und hat ſie auch. Fortinbras, dem Hamlet ſterbend noch ſeine Stimme gibt, hat alte Anſpruͤche und Rechte auf das Reich von Daͤnemark. Eine Gewaltthaͤtigkeit, wodurch die Familie des Fortinbras verlor, was ihr gebuͤhrte, ruhte alſo im Hintergrunde der Zeiten auf dem daͤniſchen Koͤnigshauſe. Dafuͤr buͤßt es in jenem tragiſchen Untergange. Und ſo druͤckt hier die Idee der Alles leitenden goͤttlichen Gerechtigkeit, die durch alle Tragoͤdien Shakspeares ſich hindurchzieht, noch am Schluſſe dem Ganzen das Siegel der welthiſtoriſchen Bedeutung auf.

Sollen wir nun noch den Gegenſatz hervorheben, der in der Compoſition Shakspeare'ſcher Dramen gegen die antiken hervortritt, ſo beſtaͤnde er in Fol⸗ gendem. Shakspeare begnuͤgt ſich nicht, die Grundidee ihrem weſentlichſten Inhalte nach in fortlaufender Aktion an einigen Charakteren zu entfalten; moͤg⸗ lichſt erſchoͤpfen will er ſie, und indem er ſie an den Thaten und Schickſalen

anz verſchiedener Charaktere unter den mannichfaltigſten Verhaͤltniſſen des Le⸗ den zur Anſchauung bringt, zeigt er ſie als ein Allgemeines, allen Menſchen Gemeinſames.(Wackernagel uͤber die dramat. Poeſie 1838 S. 16.) So bildet er den direkten Gegenſatz zum antiken Drama, wo die Idee mit plaſtiſcher Klarheit und Einfachheit hervortritt und das Ganze wie jedes Einzelne von Anfang an aufgedeckt zu Tage liegt. Darum bedurfte das antike Drama nicht

jener Fuͤlle und genauen Durchfuͤhrung eigenthuͤmlicher Charaktere, jener Strah⸗