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der Chor iſt, naͤmlich Echo der allgemeinen Stimme der Nation, ihrer Geſinnung und ihres Urtheils uͤber die dargeſtellte Handlung, Repraͤſentanten des Volks⸗ und Zeitcharakters— das ſind bei Shakspeare jene uͤberall vorkommenden Szenen, in denen er Troß und Diener, Heer oder Volk wirkſam in die Hand⸗ lung eingreifen laͤßt, in denen er den Zuſtand der Zeit und des Volkes ſchildert und in Beziehung ſetzt zur Sinnesart und Handlungsweiſc der Hauptperſonen. Alles iſt bei ihm Handlung, jedes Wort dramatiſch. Jede Figur, obgleich als Glied der Einen großen Aktion weſentlich mitwirkend zur Entfaltung der Einen Grundidee des Stuͤcks, hat dennoch zugleich ihre eigene Bewegung, jede verfolgt zugleich ihre beſonderen Intereſſen. Durch dieſes Kaͤmpfen dafuͤr und dawider, durch dieſe mannichfaltigen Farben und Brechungen des Einen Lichtſtrahls kommt der wahre Inhalt der Dichtung mit einer Vollſtaͤndigkeit und Klarheit zu Tage, wie ſie das antike Drama nie, von den Neueren nur wenige erreicht haben.
Die Tragoͤdie ſtellt bei Shakspeare ſtets das unmittelbare Walten der gottlichen Gerechtigkeit und der ſittlichen Nothwendigkeit dar. Das Tragiſche liegt bei ihm ſtets in dem Leiden und Untergang des menſchlich Großen, Edlen, Schoͤnen, ſobald es der menſchlichen Schwaͤche und ſittlichen Verkehrtheit ver⸗ faͤllt und im irdiſchen Leben allein ſeine Befriedigung und Erfuͤllung ſucht. Es tritt ihm in dieſem Fall die innere Nothwendigkeit aͤußerlich als Schickſal oder vielmehr, nach chriſtlichem Sinn, als die goͤttliche Gerechtigkeit gegenuͤber. Sein Wollen und Thun wird vereitelt; ſein irdiſches Daſein findet den Un⸗ tergang. Einige Beiſpiele moͤgen dieſe Anſicht erlaͤutern.
In Romeo und Julie, jenem Gemaͤlde der Liebe und ihrer beklagens⸗ werthen Schickſale in einer Welt, deren Atmoſphaͤre zu rauh iſt fuͤr dieſe zar⸗ teſte Bluͤthe des menſchlichen Daſeins, erſcheint die Liebe als Baſis und Mittel⸗ punkt des Lebens; ſie iſt das Hoͤchſte und Herrlichſte, was der Menſch hat, denn Gott ſelbſt iſt ja die Liebe. Allein gerade das Hoͤchſte und Perrlichſte, ſo lange es behaftet iſt mit dem Endlichen der Begierde und Leidenſchaft, ſo lange es noch nicht gelaͤutert iſt von den Schlacken des irdiſchen Daſeins, wird unmittelbar ſelbſt zur vernichtenden Macht, die ihren Triumph in Tod und Untergang feiert. Dem Ergreifenden, Erſchuͤtternden des tragiſchen Verhaͤngniſſes fehlt dabei aber auch nicht die verſoͤhnende Beruhigung. Dieſe toͤnt aus der Schlußſcene heraus mit den ſanften Harmonien einer ſtillen Wehmuth. Die Liebenden ſind dem Mißbrauch des goͤttlichen Geſchenkes zum Opfer gefallen; das Leidenſchaftliche, Irdiſche ihrer Liebe iſt im Tode untergegangen; gereinigt, wie ſie nunmehr iſt, vermag ſie noch Segen uͤber die Staͤtte ihres irdiſchen Daſeins zu verbreiten. Ueber dem Grabe der Liebenden loͤßt ſich der alte„ tief⸗ wurzelnde Groll der beiden Parteihaͤupter in Liebe auf, und mit der ſchoͤnſten, ebenſo troͤſtlichen als tiefergreifenden Todtenfeier wird der dargeſtellte Untergang des Schoͤnſten und Edelſten dieſer Erde geſchloſſen.


