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2. Shakspeare.
Der Charakter eines Dichters iſt hiſtoriſch bedingt, theils durch den Bil⸗ dungsſtand der Kunſt ſeiner Zeit, theils durch den Charakter ſeines Volks und Jahrhunderts. Die griechiſche Tragoͤdie entſtand aus dem Chor. Dieſer bekam Zuwachs, Umſchmelzung. Aeſchylos brachte ſtatt Einer handelnden Perſon deren zwei auf die Buͤhne, erfand den Begriff der Hauptperſon und verminderte das Chormaͤßige. Sophokles fuͤgte die dritte Perſon hinzu— aus ſolchem Ur⸗ ſprung, aber ſpaͤt, hob ſich das griechiſche Trauerſpiel zu ſeiner Groͤße hervor, ein Meiſterſtuͤck des menſchlichen Geiſtes. Shakspeare fand vor und um ſich nichts weniger, als jene Simplicitat von Vaterlandsſitten, Thaten und Ge⸗ ſchichtstraditionen, die das griechiſche Drama bildete, ſondern ein Vielfaches von Staͤnden, Lebensarten, Geſinnungen und Voͤlkern; er dichtete alſo Staͤnde und Menſchen, Voͤlker und Spracharten zu einem herrlichen Ganzen. Shaks⸗ peare fand keinen Chor vor ſich, aber wohl Staats⸗ und Marionettenſpiele; er bildete alſo aus dieſen Staats⸗ und Marionettenſpielen ſeine neuen großartigen Schoͤpfungen. 3
Schon der Zeitpunkt ſeines Auftretens iſt bedeutſam. Shakspeare ſtand auf der Grenzſcheide zweier großen Zeitalter. Der poetiſche, phantaſtiſche Sinn des Mittelalters und die ſo ganz verſchiedenartige Geiſtesrichtung der neuen Zeit treffen mit ihren entgegengeſetzten Strahlen in ihm zuſammen.(Ulrici Shaksp. dramat. Kunſt 1839. S. 73.) Das Mittelalter ging zu Ende; die neuere Zeit brach an. Beide aber, jenes in ſeinem Ausgang, dieſe in ihren Anfaͤngen waren in der Gegenwart des Shakspearſchen Zeitalters in der That gleich lebendig.(Solger Nachgel. Schr. 11. S. 560.)
Wie aber Shakspeare Geiſt und Weſen der dram atiſchen Kunſt aufge⸗ faßt hat, deutet er ſelbſt an, wenn er Hamlet(Akt 3 Sc. 1) ſagen laͤßt:«Der Zweck des Schauſpiels war und iſt, der Natur gleichſam den Spiegel vorzuhalten, der Tugend ihre eigenen Zuͤge, der Schwaͤche ihr eigenes Bild und dem Jahrhundert und Koͤrper der Zeit den Abdruck ſeiner Geſtalt zu zeigen.“ Der Gegenſtand der dramatiſchen Darſtellung iſt alſo die Weltgeſchichte ſelbſt; ihr Zweck, mitzuwirken zum Zweck der Weltgeſchichte: zur Selbſterkenntniß des Menſchen als der Grund⸗ bedingung aller wahren Erkenntniß wie zur Erkenntniß Gottes als des Inhalts aller Wahrheit. In dieſem Sinne iſt Shakspeare vorzugsweiſe hiſtoriſcher Dich⸗ ter. Kein Dramatiker weiß wie er ſo gleichmaͤßig, mit ſo lebendiger Anſchau⸗ lichkeit nicht nur die geiſtige Vergangenheit und Zukunft, die fruͤheren und gegenwaͤrtigen Zuſtaͤnde, ſondern auch die allgemeine Ordnung der Dinge, den Charakter der Zeiten und Voͤlker zu vergegenwaͤrtigen. Was im antiken Drama


