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ters dem Zuſchauer zum Bewußtſein gebracht wird, bildet das Tragiſche in der Poeſie, inſofern jener innere Widerſpruch nicht in einem voruͤbergehenden Irrthum, ſondern in der menſchlichen Natur ſelbſt liegt. Dieſe Art der Dar⸗ ſtellung, die den Leſer auf den Standpunkt ſtellt, wo dieſer ſelbſt erſt das Wahre abzunehmen hat, wird Ironie genannt.(Solger Nachgel. Schr. II. S. 513. 561 Gruppe Ariadne S. 737). Bei Sophokles zeigt ſich dieſelbe voll⸗ kommen durchgebildet; er laͤßt aus der tiefſten Befleckung, welche einem Men⸗ ſchen wider Verſchulden anhaftet, das Edelſte und Hoͤchſte der ſittlichen Welt hervorgehen, wie in der Antigone und dem Oedipus. Aus dieſer Darſtellungs⸗ weiſe ergibt ſich der Begriff des Schickſals, den der Dichter mit Bewußtſein und ſtrenger Konſequenz aus der Handlung und den tragiſchen Motrven ſelbſt herausbildet.
Es iſt nicht verdiente Schuld des Menſchen, auch kein bloß aͤußerer Zu-⸗ fall, ſondern eine dunkle, oft zweideutige Macht, welche im Innern ſelbſt wal⸗ tet, und den Menſchen bei jedem Schritte, den er thut, bei jedem Plane, den er entwirft, begleitet und in einen unbewußten Widerſpruch mit ſich ſelbſt ver⸗ ſetzt. Nur der Zuſchauer weiß den wahren Stand der Dinge, und moͤchte oͤfters den handelnden Perſonen einen Wink geben, ſie herausziehen aus der drohenden Gewitterwolke, die ſie unfehlbar zerſchmettern wird. Dadurch wird das tragiſche Intereſſe zu ſeiner hoͤchſten Spitze geſteigert. Wo aber der Ur⸗ ſprung alles des Unheils liegt, das die Perſonen der Tragoͤdie verfolgt, ob in der ſchuldigen Bruſt des Menſchen, welcher nur gerechte Strafe leidet, oder in den ſchonungsloſen Schlaͤgen eines harten Schickſals, dies bleibt eben mit kuͤnſt⸗ leriſcher Abſicht unklar, unklar wie es im Leben iſt. Im Koͤnig Oedipus z. B. wandelt die Hauptperſon immer noch in einer verwirrenden und betaͤubenden Nacht des Geheimniſſes, waͤhrend der Zuſchauer das Licht ſchon heller und immer heller blinken ſieht und mit ahnendem Grauen dem vollen Hereinbrechen desſelben entgegen wartet.— Man kann darum auch niemals ſagen, daß die Menſchen bei Soplokles eigentlich unſchuldig litten, und es liegt in ſeiner herz⸗ drerünuden Poeſie auch nichts weniger als eine Anklage des Himmels. Der Himmel
leibt ewig heirer und gerecht; nur der Menſch wandelt in Dunkel und Irre.
Und ſo iſt denn auch die Poeſie des Sophokles nicht bloß herzzerreißend, ſondern ſie iſt zugleich innerlich verſoͤhnend und bringt durch Ruͤhrung die wahrſte Reinigung und Laͤuterung des Herzens hervor. Eben hierdurch leiſtet ſie das Hoͤchſte und Tiefſte von Darſtellung, von Ruͤhrung und Verſoͤhnung; und in jenem Zuſammenhang des Moraliſchen mit dem rein poetiſch Darſtellenden liegt die Kunſthoͤhe des Sophokles.


