Aufsatz 
Über das Wesen der Tragödie / [Karl] Rossel
Entstehung
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von Ariſtophanes(Pax. 530) zu den koͤſtlichſten Guͤtern des Friedens gezaͤhlt. Einen weſentlichen Fortſchritt der Tragik zeigt aber Sophokles hauptſaͤchlich darin, daß er in dem kuͤnſtlich angelegten Plane ſeiner Stuͤcke die Handlung ſich vor den Augen des Zuſchauers organiſch entfalten und verſchlingen laͤßt, waͤhrend Aeſchylos in der einfachen Anlage ſeiner Dramen die Begebenheiten in einer Reihe von Szenen aͤußerlich darſtellt, ohne die inneren Motive der Handlung durch die Perſonen ſelbſt an den Tag zu legen.(Bode Geſch. der dram. Dichtk. 1 S. 373.) Bei Sophokles entſteht die ganze That, welche die Handlung, Verwickelung und Kataſtrophe herbeifuͤhrt, im Laufe des Stuͤckes ſelbſt; Aeſchylos ſtellt dagegen oͤfters die Kataſtrophe ſchon als Faktum hin, ohne von der Motivirungskunſt Gebrauch zu machen. Ariſtoteles hat in ſeiner Lehre von der ſchoͤnſten Form der Tragoͤdie offenbar den Sophokles vorzugs⸗ weiſe im Auge gehabt, obgleich er ihn nicht immer nennt, und hat dadurch in ihm die Vollendung der Tragik erkannt, um die ſich ſeine Poetik, ihrem Haupt⸗ inhalte nach, dreht. Und dieſer Vorzug beſteht außer dem Erwaͤhnten ſodann noch darin, daß Sophokles vermittelſt der vollendeten Kunſt der poetiſchen Illuſion das ganze Intereſſe des Zuſchauers fuͤr die handelnden Perſonen in Anſpruch nimmt. Er verſetzt uns dadurch auf einen Standpunkt, von wo aus wir mehr uͤberſchauen, als die handelnden Perſonen ſelbſt. Wir ſehen deren Irrthum und Verkennung unter einander ſowohl, als auch jene tiefe Selbſtver⸗ kennung hinſichtlich ihrer Schuld und Unſchuld. Dieſes iſt das eigentliche tra⸗ giſche, ergreifende, ruͤhrende Element der Sophokleiſchen Kunſt. Dieſe Leben⸗ digkeit und eigenrliche Gegenwart der poetiſchen Figuren, in deren Intereſſe uns der Dichter hineingezogen hat, dieſe Art der Darſtellung, worin das Ge⸗ heimniß aller wahren Poeſie liegt, findet ſich ſchon im Homeriſchen Epos (Gruppe Ariadne S. 731). Wie daher im Homeros die Vollendung der epi⸗ ſchen Poeſie enthalten iſt, ſo ſand die Tragoͤdie erſt durch Sophokles ihre wahre und hoͤchſte Beſtimmung, und mit ihr iſt der herrliche Kreis helleniſcher Dicht⸗ nſt ab 1.. Ka Wdeſthlſſenee. und Mittelpunkt ſeiner Darſtellung die Idee des Schickſals. Der Menſch mit dem tauſendfachen Widerſtreite, der ſein Inner⸗ ſtes anfuͤllt, tritt hier in ſeinem Denken und Trachten durchſichtig bis ins Herz vor uns. In dem ſchoͤnen Gemuͤthe der Antigone z. B. ſiegt, wiewohl ſie mit allen Buͤrgern dem geſetzmäͤßigen, Koͤnige des Landes Gehorſam ſchuldig iſt, die ewige Macht heiliger Sitte uͤber ein hartes Gebot von bloß menſchlicher Herkunft. Bei aller Hoffnung und allem Wunſche jugendlicher Freuden geht ſie freiwillig in den Tod; doch ſtirbt ſie in der hoͤchſten Glorie, waͤhrend der Koͤnig, der ſich von endlicher Macht und Klugheit zu weit verleiten ließ, ſei⸗ nen Frevel mit der Ausrottung ſeines ganzen Hauſes buͤßt. Aber beide buͤßen

gemeinſchaftlich die nie zu vereinende Spaltung zwiſchen dem Ewigen und Zeit⸗ lichen. Die Darſtellung dieſes Widerſtreites, der durch die Kunſt des Dich⸗