Aufsatz 
Über das Wesen der Tragödie / [Karl] Rossel
Entstehung
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dem Epos und der Lyrik, als den ihm nothwendigen Vorgaͤngern und An⸗ knuͤpfungspunkten, zu haben. Wirklich iſt auch in der alten, wie in der neuern Zeit kein einziges Volk bekannt, deſſen Poeſie unmittelbar und ausſchließlich, d. h. ohne wirklichen Vorgang des Epos und der Lyrik, ſich zum Drama be⸗ ſtimmt und ſomit, Fuß und Guͤrtel des Parnaſſes uͤberſpringend, alſogleich zu deſſen Gipfel ſich erhoben haͤtte. 1

Denſelben bedingenden Vorausgang epiſcher und lyriſcher Elemente ge⸗ wahren wir bei dem Drama der Hellenen.(Ulrici Geſch. der hellen. Dichtkunſt I. S. 88.) Allerdings iſt es den Griechen, waͤhrend der Bluͤthe⸗ zeit der Rhapſodik und der Lyrik niemals eingefallen, die dramatiſche Kunſt unmittelbar an die Epik zu knuͤpfen oder daraus herzuleiten. In der Kul⸗ tuspoeſie des Dionyſos, d. h. in der choriſchen Lyrik iſt nach allen Zeug⸗ niſſen des Alterthums der Urſprung des eigentlichen Drama zu ſuchen; und das vollſtaͤndige Drama, wie es uns in den Schoͤpfungen des Aeſchylos und So⸗ phokles entgegen tritt, konnte erſt zu einer Zeit zur Erſcheinung kommen, wo die Verſchmelzung des Lyriſchen mit dem Epiſchen, der Empfindung mit den Begebenheiten zum klaren Bewußtſein gekommen war.(Bode Geſch. der dramat. Dichtkunſt der Hellen. 1 S. 7.) Jetzt konnte es nicht fehlen, daß die erſten gro⸗ ßen Tragiker die hohe Vortrefflichkeit des homeriſchen Epos ſchaͤtzen lernten und ſich an ſeinem Vorbilde zu ſtaͤrken und zu heben ſuchten. Bekannt iſt der Aus⸗ ſpruch des Aeſchylus(Athen. 8, 347), der ſeine eigenen Tragoͤdien, zu denen beſonders die kykliſchen Gedichte den Stoff hergegeben hatten, nur Stuͤcke von den großen Mahlzeiten des Homeros nannte. Und von Ariſtoteles wiſſen wir, daß er ſein Buch uͤber die Dichtkunſt beſonders in der Abſicht geſchrieben hat, um die unterſcheidenden Merkmale der Tragoͤdie und der Epopoͤe mit groͤßerer Schaͤrfe zu beſtimmen, als es vorher geſchehen war. Wenn ferner Polemo, jener geiſtreiche Akademiker, in ſeiner Bewunderung des Sophokles behauptete, Homeros ſei ein epiſcher Sophokles und Sophokles ein tragiſcher Homeros, ſo liegt in dieſer Anſicht, wenn wir ſie mit dem Urtheile anderer kunſtſinniger Helle⸗ nen(Xenoph. Mem. I, 4. Arist. Poët. 3, 4. Cic. orat. 1.) vergleichen, eine im Weſen der Dichtkunſt ſelbſt begruͤndete Wahrheit. Dieſe hat Sophokles in einer Bemerkung uͤber ſich ſelbſt als Dichter beurkundet, indem er mit vollem Bewußtſein der eigenen Ueberlegenheit erklaͤrte, er ſelbſt bilde ſeine Perſonen, wie ſie ſein ſollen, Euripides aber, wie ſie wirklich ſeien.

Worin beſtehen nun aber die charakteriſtiſchen Verdienſte dieſes Dichters um die antike Tragoͤdie? Von der uͤberirdiſchen Hoͤhe, zu welcher Aeſchylos die tragiſche Kunſt erhoben hatte, brachte Sophokles dieſelbe dem wirklichen Leben naͤher, indem er das menſchliche Leben ſchaͤrfer ins Auge nahm und die Mythen als großartige Bilder davon auffaßte(Arist Poët. 25, 6.) Seine Poeſie iſt nicht der Ausdruck eines kriegeriſchen Geiſtes, der Kampfluſt erregen will; nein, ſie erfuͤllt das Gemuͤth mit verſoͤhnender Heiterkeit und wird daher

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