Aufsatz 
Über das Wesen der Tragödie / [Karl] Rossel
Entstehung
Einzelbild herunterladen

10

koͤnnen. Um aber nicht gleich wieder aus einer duͤrren Abſtraction in die andere zu fallen denn ein goldenes Wort Goͤthe's:

Grau, theurer Freund, iſt alle Theorie,

Doch grün des Lebens goldner Baum! zeigt auch hier wieder die rechte Straße ſo moͤchte es auch ſchon zur allſei⸗ tigen Darlegung unſers Thema's nicht bloß gerathen, ſondern ſogar geboten ſein, einmal zuzuſehen, wie die in ihren Grundzuͤgeu ſkizzirte Idee der Tragoͤ⸗ die zu verſchiedenen Zeiten in verſchiedeuen charakkeriſtiſchen Entwickelungsſtufen zur Erſcheinung gekommen iſt.

II. Entwickelungsſtufen der Tragödie.

Soll unſere Unterſuchung nicht unvollſtaͤndig bleiben, ſo muß eine, wenn auch nur ſkizzenartige Darſtellung der Hauptformen der Tragoͤdiendichtung hier verſucht werden. Ich gedenke aber ſtatt vieler mich auf drei Dichter zu beſchraͤn⸗ ken, deren Namen wie Sterne weithin glaͤnzen am Himmel tragiſcher Poeſie, in deren Werken ſich die Zeiten ſpiegeln, denen ſie angehoͤrten, aber ſo, daß ſie damit hinausreichen uͤber alle Zeiten: ich denke an Sophokles, Shakspeare und Schiller. In dieſen Hauptrepraͤſentanten antiker und moderner Weltan⸗ ſchauung wird die verſchiedenartige Auffaſſung des Weſens der Tragoͤdie am anſchaulichſten ſich darſtellen laſſen. Wir beginnen, dem hiſtoriſchen Verlauf gemaͤß, mit der Darſtellung der tragiſchen Poeſie in der Bluͤthezeit des helleni⸗ ſchen Alterthums.

1. Sophokles.

Im Griechiſchen, wo der ſtufenweiſe Entwickelungsgang aller und jeder Kunſt, vorzuͤglich aber der hier gerade in Rede ſtehenden Dichtung, wohl am beſtimmteſten und ſchaͤrfſten ausgepraͤgt erſcheint, faͤllt die Entſtehung des ei⸗ gentlichen Drama's bekanntlich faſt unmittelbar mit dem Anfange der dritten und letzten Hauptperiode des geſchichtlichen Lebens uͤberhaupt zuſammen: folglich lange Jahrhunderte nach dem noch in das Ende der erſten fallenden Erwachen des Epos; ja ſelbſt noch eme geraume Zeit nach dem im Verlauf der mittleren hervortretenden Erbluͤhen der Lyrik. Demzufolge ſcheint die ſpaͤtere Entſtehung des Drama's ihre naͤchſte Urſache in einer gewiſſen Abhaͤngigkeit desſelben von