Aufsatz 
Über das Wesen der Tragödie / [Karl] Rossel
Entstehung
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beſitzen, zeigt ſich auf den erſten Blick. Ariſtoteles verheißt ſelbſt im An⸗ fang von Kap. 6., nach Abhandlung der epiſchen Dichtung von der Komoͤdie zu reden, was nicht geſchieht, und hat außerdem noch kein Wort von den lyriſchen Dichtungsarten geſagt. Es iſt alſo offenbar ein großer Theil ſeines Werkes von der Zeit verſchlungen worden. Ein rhapſodiſcher Auszug aus einem groͤßeren Werke, oder gar ein roher Entwurf zu einem ſolchen iſt das vorlie⸗ gende gewiß nicht. Die Ankuͤndigung zu Anfang des erſten Kap. zeigt deutlich, daß wir hier den eigentlichen Anfang des Werkes haben, der von da bis zur zweiten Haͤlfte des fuͤnften Kap. durchaus den Charakter einer allgemeinen Ein⸗ leitung an ſich traͤgt. Von da an haͤngt Alles bis zum jetzigen Ende des Werkes Kap. 26 ſo vollkommen gut zuſammen, daß man ebenſo wenig mit Hermann(Ausgabe der Poetik 1802) bedeutende Luͤcken, noch mit Gruppe (Ariadne S. 553) in den Text eingeſchwaͤrzte Randgloſſen, noch gar mit Ritter(Ausgabe der Poetik 1839) gewaltſame Verſetzungen und unerhoͤrte Korruptionen anzunehmen braucht. Denn, wenn Ariſtoteles hier und da gele⸗ ſet eine Bemerkung einflicht, die einen ferner liegenden Punkt betrifft, ſo edient er ſich nur einer Freiheit, die man ihm da nicht abſprechen darf, wo es gilt, einen vor ihm noch nie begriffsmaͤßig behandelten Gegenſtand von ſo vielfaͤltig verzweigter Geſtalt in eine Theorie zu bringen. Es zeigt ſich viel⸗ mehr, wie das Duͤntzer(Rettung der Ariſt. Poetik 1840) in der Konſtruktion und dem Gedankengang einleuchtend nachgewieſen hat, womit auch die Anſicht Knebels uͤbereinſtimmt(Ariſtoteles Rhetorik uͤberſetzt von Knebel 1840) in der Durchfuͤhrung des Ganzen die ſtrengſte Einheit und Konſequenz; wir haben hier ein ganzes, einiges Werk, durchdrungen von der Klarheit ſeines Meiſters, der aus der Tiefe ſeines Geiſtes und dem unerſchoͤpflichen Reichthum einer großartigen Litteratur ſich eine Norm der Beurtheilung gebil⸗ det hatte, die ihn uns als hohen Kunſtkenner zeigt.

Ausgangs⸗ und Zielpunkt aller Deftnition der Tragoͤdie bleibt aber die beruͤhmte Stelle Kap. 6, 2, die je nach der Verſchiedenheit der Lesarten und der Interpunktion, eine Unzahl von Ueberſetzungen und Deutungen hervorgeru⸗ fen hat, von denen allein Raumer(hiſtor. Taſchenbuch fuͤr 1842 S. 154) 22 in verſchiedenen Sprachen zuſammengeſtellt hat. Sie lautet nach den verbuͤrg⸗ teſten Lesarten:

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Dieſe Definition der Tragoͤdie beſchreibt zuerſt die Handlung, die eine ernſte und in ſich vollendete ſein und eine gewiſſe Groͤße haben muß, dann die