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Diſſonanzen der volle harmoniſche Dreiklang hervortreten. Es kommt hierbei alles darauf an, wie wir uͤber die Idee der Tragoͤdie uͤberhaupt denken, und es ſoll demgemaͤß meine Aufgabe ſein, nachzuweiſen, was nach ſorgfaͤltiger Pruͤfung der ſo widerſprechenden Urtheile kompetenter Kunſtrichter uͤber dieſen Gegenſtand ſich als das Weſen der Tragoͤdie herausſtellen wird. Ich werde zu dieſem Behuf die Grundbeſtimmungen der Tragoͤdie nach Ariſtoteles voraus⸗ ſchicken, ſodann die Tragoͤdie in einigen ihrer charakteriſtiſchen Entwickelungs⸗ ſtufen verſolgen, um aus allem dem zum Schluß von rein aͤſthetiſchem Stand⸗ punkt aus uͤber das Weſen der Tragoͤdie ein begruͤndetes Endurtheil zu foͤllen.
I. Grundbeſtimmungen der Tragödie.
Wir werden uns bei der Auseinanderſetzung des Weſens der Tragoͤdie zunaͤchſt an die Poetik des Ariſtoteles halten, ein Werk, das Leſſing fuͤr eben ſo unfehlbar erklaͤrt, als die Elemente des Euklid, in welchem Goͤthe den Verſtand in ſeiner hoͤchſten Erſcheinung ſieht, und das unſern Schiller zu dem Urtheil draͤngt, ſein Verfaſſer ſei ein wahrer Hoͤllenrichter fuͤr alle, die entweder an der außeren Form ſclaviſch haͤngen, oder die uͤber alle Form ſich hinwegſetzen.
Jede Wuͤrdigung der Poetik des Ariſtoteles haͤngt aber zunaͤchſt ohne Zweifel davon ab, wie man uberhaupt ſeine Philoſophie betrachtet. Waͤhrend waͤmlich viele ihn als bloßen Empiriker bezeichnen, welcher ob der Maſſe des zu ordnenden Stoffes ſich nie uͤber den Boden der gemeinen Erfahrung habe erheben koͤnnen, iſt neuerlich wieder von einem philoſophiſchen Meiſter behaup⸗ tet worden: Ariſtoteles habe die Spekulation in ihrer tiefſten und erhabenſten Richtung uͤber Platon hinausgefuͤhrt und dem Unbeſtimmten erſt Haltung und Geſtalt gegeben. Ohne jedoch hierin dem einen oder andern Denker zu nahe zu treten, laſſen ſich dieſe ſcheinbaren Widerſpruͤche wohl vermitteln. Denn wer, wie Ariſtoteles, die geſammten Schaͤtze der Erfahrung und Geſchichte wahrhaft begreift und beherrſcht, dem ſind auch die Stufen gegeben, welche emporſtei⸗ gend er das Hoͤchſte erreicht; und umgekehrt: wer, wie Platon, uͤber jenem Boden in kuͤhnem Fluge daherſchwebt, dem wird nie die Faͤhigkeit ganz erman⸗ geln, von oben herab auch das Gegebene in ſeiner Einzelheit richtig zu er⸗ kennen.
Jene Wuͤrdigung iſt aber auch zweitens von der Anſicht bedingt, die man über die Aechtheit oder Unaͤchtheit und den diplomatiſchen Werth der in Rede
ſtehenden Schrift ſelbſt gewonnen hat. Daß wir darin keine vollſtaͤndige Poetik


