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das Weſen der Tragödie.
Wagcalti und vielbewegt, wie das Menſchenleben und die Geſchichte der Voͤlker, ſind auch die Bilder des Lebens, wie ſie die Meiſterhand des tragi⸗ ſchen Dichters an uns voruͤberfuͤhrt. Die Nachtſeite des Lebens entſchleiert er uns mit all ihren truͤben Schattirungen; in jene dunkle Welt laͤßt er uns blicken, wo die Wahrheit in den Wahn, die Begeiſterung und Liebe in wilden Fanatismus und wuͤthenden Haß, wo die ſittliche That in Verzweiflung am eignen Innern uͤbergeht. Was Wunder darum, wenn man von verſchiedenen Seiten her gemeint hat, daß gerade hierin, in dieſem ernſten, furchtbaren Cha⸗ rakter das Weſen des Tragiſchen erkannt werden muͤſſe. Waͤre dieſe Anſicht wahr, waͤre das Tragiſche nichts anderes, als eine gar nicht in Harmonie uͤbergehen wollende Diſſonanz, ſo wuͤrde dieſe Weltbetrachtung das Schoͤne von ſich ausſchließen und die Tragoͤdie auf den Charakter eines Kunſtwerks Verzicht leiſten muͤſſen. Dem iſt aber, wie die nachfolgende Betrachtung zeigen ſoll, keineswegs alſo: keineswegs darf der nicht ſich aufhebende Widerſpruch das Reſultat des hier ſtatt findenden Handelns ſein; vielmehr kann unſer Gefuͤhl erſt da zum tra diſ chen ſich verklaͤren, wo der Widerſpruch zugleich Harmonie iſt. Denn das Gefuͤhl, welches die Welt vollendeter Schoͤnheit in uns hervor⸗ ruft, muß ein erhebendes ſein; und daß es dieſes werde, iſt die Aufgabe, wie jeglicher Kunſt, ſo der tragiſchen insbeſondere. Indem wir naͤmlich erkennen, daß der ſchaͤrfſſte Widerſpruch, den das Leben aufweiſet, verſchwindet, daß alle Gegenſaͤtze der ſittlichen, wie phyſiſchen Welt ſich ausſoͤhnen: ſo muß durch eine ſolche Betrachtung auch in das eigene Bewußtſein goͤttlicher Friede, Ein⸗ tracht mit dem eignen Innern einkehren und aus des Lebens verwirrenden
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