Der Schulgarten der höheren Mädchenschule
zu Giessen. (Mit 2 Plänen.)
Wie viele Naturfreunde durchwandern Wiese und Feld, ohne hier etwas anderes zu sehen als Gras, Blumen und Kulturpflanzen. Die meisten Verehrer des Waldes sehen in ihm nur eine grosse Vereinigung von Bäumen und Sträuchern, ein grosses Einerlei, und alle die edlen Genisse und Freuden, welche die beobach- tende Menschenseele dort findet, gehen für sie verloren, weil ihr Auge nicht gewöhnt ist, die unendliche Mannigfaltigkeit zu sehen und die wunderbar schaffende Thätigkeit der Natur zu empfinden und zu erkennen. Von der Wurzel bis zum Gipfel, von der Rinde bis zur Krone und vom Samen bis zum Keimpflänzchen liegen zahl- lose Probleme, die den wissbegierigen Menschen, der von Jugend auf gelernt hat, in die Fülle des Naturlebens mit klarer wissen- schaftlicher Sichtung einzudringen, zur Naturerkenntnis führen und ihn mit edler Begeisterung für die Natur erfüllen. Das ungeübte Auge geht an hundert Erzeugnissen der Pflanzenwelt vorbei, ohne sie zu sehen, während das aufmerksame in jedem Frühling von hundert zu neuem Leben erwachten Freunden begrüsst wird.
Die Schule, insbesondere der botanische Unterricht hat die Aufgabe, die Schüler mit den Wundern der Pflanzenwelt, mit der heimischen Flora, mit der Bedeutung der verschiedenen Gewächse für das praktische Leben vertraut, die Jugend in dem reichen Tempel der Natur einigermassen einheimisch zu machen und so die Liebe zu den Pflanzen in ihr zu erwecken und zu pflegen. In der Jugend sind die Sinne für die äussere Welt am meisten empfänglich, und selbst das Auge ist für sie schärfer als im späteren Alter.
Ein wesentliches Erfordernis zur fruchtbringenden Gestaltung des botanischen Unterrichts ist das Vorhandensein der nötigen


