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Morgen ſehn“;*) dann wird der Gruß der Mitgenoſſen unſeres Werkes zu neuem Wirken jenſeits uns empfangen, waͤhrend dieſ⸗ ſeits uns nach menſchlicher Sitte die Zuruͤckgelaſſenen mit dem Todtenpſalme Ecce, quomodo moritur das letzte Geleite geben. Denn was in wehmuthsvoller Ahnung der griechiſche Dichter*) einſt zweifelnd noch ausſprach:„Wer weiß, ob das nicht Leben iſt, was Sterben heißt?,— Das iſt uns zur erhebenden Gewißheit geworden. Darum iſt das, was heute bei uns geſchiehet, kein Trauerfeſt, welches ſchmerzliche Sehnſucht in uns erwecket, ſondern ein Feſt des Gedaͤchtniſſes, welches in treuer Liebe und Verehrung die Tugenden des Entſchlafenen uns vergegenwaͤrtigen und zu ſteter Nachahmung vorſtellen ſoll, ein Andenken, welches wir demjenigen widmen, der koͤrperlich zwar abgeſchieden iſt aus den irdiſchen Banden, der aber ferner um uns ſchweben und mit uns verbunden bleiben wird durch das hei⸗ lige, unzerſtoͤrbare Band des Geiſtes und des gemeinſamen Wirkens fuͤr Wahrheit und Tugend, fuͤr Wiſſenſchaft und Geiſtesbildung. Denn wer fuͤr die hoͤheren Guͤter des Lebens arbeitet, der lebt in der Welt der unſterblichen Geiſter. Dort aber iſt kein Tod, ſon⸗ dern ewiges Leben. Allerlei Worte und Gedanken, Reden und Geſaͤnge laͤngſt Abgeſchiedener toͤnen da in unendlichem Wellen⸗ ſchlage an das Ohr der Kommenden, und wecken wieder Worte und Gedanken, Gefuͤhle und Entſchluͤſſe, bei der ſpaͤteſten Nach⸗ welt. Und wie der Geiſt ſelbſt fortlebt, ſo lebt auch das Geiſtige auf Erden fort unter den Menſchen, in Kunſt und Wiſſenſchaft, in Buͤrgerthum und Staatengruͤndung. Das Wirken und Schaf⸗ fen, welches fuͤr das Geiſtige geſchah, kann nicht untergehen, ſondern dauert fort, wenn auch ungenannt und unbemerkt, aber ſicher und gewiß, in unabſehbarer Ausdehnung von Geſchlecht zu Geſchlecht, wie die Woge des Meeres, die an der Kuͤſte zerſchellt; ihre Brandung ſieht das Auge, aber Niemand weiß, von wannen ſie kommt. Das iſt die unerſchoͤpfliche Fuͤlle des Lebens, zu wel⸗ chem Gott ſeine Menſchen ſchuf; das iſt der unverſtegbare Born des Geiſtigen, aus welchem alle Voͤlker trinken ohne Aufhoͤren.
*) Nach Klopſtock's bekanntem Liede. **) Eunrr. fragm. Phrix. XIV. Bd. 9. Ausg. v. Matth. T olden, ei iν 1οσ, d zexd*α αάαεν. Vgl. fragm. Polyid. VII. S. 311.


