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Doch hat ein Weiſer des Alterthums*) mit Recht geſagt, daß man die Todten nicht hoͤher ehren und ihr Gedaͤchtniß nicht beſſer bewahren koͤnne, als wenn man ihren Tugenden nacheifere. So richte ich denn meine Worte, die zu ſchwach ſind, zumal in den Augenblicken uͤberwaͤltigender Wehmuth, um Herolde aller der Thaten fuͤrſtlicher Milde, Weisheit und Thatkraft zu ſeyn, die das dankbare Vaterland und das ferne Ausland anerkennt und verehret, zunaͤchſt an Euch, geliebte Schuͤler, und ermahne Euch, in dieſer ernſten Stunde, vor dem Bilde Eures abgeſchiedenen Wohlthaͤters, den Ihr geſtern, entkleidet alles irdiſchen Schmuckes, dahin geleitetete, wo Moder und Grabesduft uns Alle umfaͤngt, die wir auf Erden geboren ſind, daß Ihr Euch, wie Er, unvergaͤngliche Schaͤtze ſammelt, die über dieſes Leben hinaus dauern, und daß Ihr jetzt alle die Geluͤbde und Entſchluͤſſe des Fleißes und des Gehorſames, der Redlichkeit und Be⸗ ſcheidenheit erneuet, die Ihr Ihm, Euerm Herrn und Herzoge, Euern Aeltern, Euern Lehrern, Euerm Vaterlande beim Eintritte in dieſe Bildungs⸗Anſtalt abgelegt habt. Fuͤrchtet nicht, daß ich zu Hohes von Euch begehre. Auch der Verklärte war Menſch, und hat ſich nie vermeſſen in Seiner Hoheit; ſondern Er ſtieg herab von den Stufen des Thrones, und wandelte unter Seinem Volke und trat ſogar ein in die Huͤtten der Dürftigen, wo Mangel und Kummer wohnt. Denn wohl wußte Er, daß Ihm das Seepter verliehen war, nicht allein uͤber Vornehme und Wohlhabende, ſondern auch über Arme und Geringe. Wollet Ihr alſo Euren verklaͤrten Herzog Euch zum Muſter nehmen; ſo denket daran, daß, wenn Furſt und Vaterland Euch einſt zu ſeinem Dienſte berufen wird, auch Ihr allerlei Troſt und geiſtliche und leib⸗ liche Huͤlfe bringen ſollet, zumeiſt in die ſtille Kammer der Verlaſſenen, der Kranken und Elenden, der Hülfloſen und Bedraͤngten. Und Ihr, die Ihr auserſehen werdet, Recht und Gerechtigkeit zu handhaben, ſchaffet, daß Ihr die Klarheit und Beſonnenheit, die Kraft und die Weisheit, die Liebe zur Wahrheit und den Abſcheu vor Heuchelei, erlanget und bewahret, die Euren Herzog auszeichneten, ſo daß, um dieſer Seiner hohen Eigenſchaften willen, die Maͤchtigſten der Erde Ihn ihrer Freundſchaft wuͤrdigten, und die Weiſeſten ihre Hochachtung Ihm zollten. Waͤhnet aber nicht, daß Er dieſe Vollkommenheiten alle ohne vielfache Anſtrengungen, Pruͤfungen und Aufopferungen erlangte. Schwere Zeiten**) trafen Ihn als Knaben, noch ſchwerere als Juͤngling und als Mann; und die große Kunſt des Regierens, zumal in unſerer vielbewegten und anſpruchsreichen Zeit, kann, wie alle Kuͤnſte und Wiſſenſchaften, nur durch ernſte Studien und feſte Ausdauer erlernt werden, nicht blos in der Jugend, ſondern fort und fort das ganze Leben hindurch. Und wie oft war dem Verklaͤrten der Abendſtern und der Morgenſtern zur Himmels⸗ leuchte geworden, wenn Er, vertieft in die Geſchaͤfte und Sorgen Seines erhabenen Herrſcherberufes, und Alles mit eigenen Augen erforſchend, Seines Volkes Wohl zu ergruͤnden oder des Einzelnen Bitten und Wuͤnſche kennen zu lernen nicht ermuͤdete!— Sehet da, geliebte Schuͤler, Tugenden genug zur Nach⸗ ahmung fuͤr Euer ganzes Leben, das dem Dienſte der Menſchheit gewidmet ſeyn ſoll, ſchon fuͤr die Jahre
*) Tacitus in vit. Agricol. cap. 40.
**) In den Kriegsdrangſalen der franzöſiſchen Invaſton, wo die fürſtliche Familie zur Flucht genöthiget war; dann, als der Hoͤchſt⸗ ſelige den Vater in einem aͤhnlichen frühen Alter verlor, und im Jahr 1816, kaum 24 Jahre alt, die Regierung eines noch im Werden begriffenen Landes antreten mußte; endlich, während der ganzen 23jäͤhrigen Regierungszeit, folgte ein bedeutendes und ergreifendes Exeigniß des öffentlichen und Privat⸗Lebens dem andern.


