Aufsatz 
Andenken an den Höchstseligen Herrn Herrn Wilhelm, regierenden Herzog von Nassau : Gefeiert von dem Herzoglichen Landes-Gymnasium zu Weilburg, am 30. August 1839
Entstehung
Einzelbild herunterladen

19

der Ausſaat. Denn wer weiß, wie bald auch Ihr abgefordert werdet, da uns Allen keine Stunde beſtimmt iſt! Moͤchtet Ihr dann, wenn Euer Haupt ſich neiget, ſo gehandelt haben, daß man von Jedem unter Euch ſagen koͤnne: Wir haben einen redlichen Diener ſeines Herrn begraben. Daß Ihr aber den Tod nicht fuͤrchten ſollt, wie fruͤh oder ſpaͤt er zu Euch hinan treten moͤge, auch dieß kann Euch das Beiſpiel unſeres vollendeten Fuͤrſten zeigen. Denn nicht blos in der Jugend, wo Thatendurſt den ſtrebenden Geiſt befeuert, ſtand Er, todesmuthig, bei Seinen Kriegern, mitten im blutigen Kampfe fuͤr Deutſchlands Freiheit an der Seite eines ruhmgekroͤnten Heerfuͤhrers*), und erfuhr ſchon dort, daß verderbenbringende Geſchoſſe auch die Fuͤrſten zu finden wiſſen; ſondern auch ſpaͤter kam Ihm wohl oft genug der Gedanke an die Hinfaͤl⸗ ligkeit Alles Irdiſchen, wenn Krankheit und Schmerz Ihn erinnerte, daß die Uhr Seines Lebens bald ablaufen koͤnnte. Aber furchtlos und vertrauend auf den, der nicht nur unſer Thun, ſondern auch unſer Wollen, nicht nur aͤußeren Schein, ſondern auch das innerſte Weſen, auf gerechter Wage abwaͤgt, fuhr Er fort, unter den Seinen zu wirken, ſo lange es fuͤr Ihn Tag war, und ehe die Nacht kam, wo Er nun nicht mehr wirken kann. Denn Er lebte des beruhigenden Glaubens der heiligen Schrift:Selig ſind, die in dem Herrn entſchlafen; ſie ruhen von ihrer Arbeit; aber ihre Werke folgen ihnen nach.

So hat Er denn gewirkt, und Gott hat Ihm und Seinem Lande den Troſt gewaͤhrt, daß Alles, was Er nach Seinem nimmerraſtenden Streben fuͤr dauerndes Volksglück und ruhiges Gedeihen eingerichtet und geordnet wuͤnſchte, dem brechenden Auge vollendet und abgeſchloſſen vorlag, und daß, wenn Ihm ſelbſt nicht vergoͤnnt ſeyn ſollte, die Fruͤchte Seiner Arbeit laͤnger zu ſchauen, dieſer Segen auf den Erben Seines Namens uͤbergehet, Den Er mit aller Sorgfalt eines zaͤrtlichen Vaters, aber auch mit dem Ernſte eines weiſen Regenten, fuͤr den hohen Beruf zur Nachfolge anleitete und erzog, und Dem Er, in Seinen Armen ſterbend, das Gluͤck und die Liebe der Seinen, als das herrlichſte Erbtheil eines Fuͤrſten, hinterließ.

Nun ruhet Er, entbunden von allen Muͤhen des Lebens, die den Hohen oft in groͤßerem Maße zufallen, als wir ahnen und verſtehen, und ſchlaͤft den langen fuͤßen Schlummer, von dem fuͤr dieſe Erde Niemand erwacht. Fortan wird der Tag, der uns Ihn gab, nicht mehr ein Tag der Freude für uns ſeyn; ſondern eingereihet liegt Er nun in der langen Folge Derer, die wir jaͤhrlich in treuem Andenken fuͤr Alles, was ſie ſeit Jahrhunderten unſerer Anſtalt Liebes und Gutes erzeigten, als abgeſchiedene Vor⸗ fahren ehren und preiſen, und unter ihnen wird unſer Wilhelm ſtets einen unverwelklichen Kranz der Bewunderung und Anerkennung verdienen und erhalten.

Erhebet daher mit mir Hand und Mund und Herz zu Gott, dem Herren aller Herren, und was wir kuͤrzlich hier noch fuͤr den Lebenden in Wort und Geſang erfleheten, das laſſet uns jetzt für den Todten thun, als reines Opfer unſrer Liebe, als letzte Gabe fuͤr den Abgeſchiedenen.

Herr des Lebens und des Todes, vor welchem aller irdiſche Schimmer erliſcht und aller Glanz ver gehet, vor welchem Hohe und Niedere ſtehen und fallen, wie Dein Odem wehet oder ſchwindet, wir flehen zu Dir einſtimmig und inbrünſtig, ſey auch im Tode mit unſerm theuern Herzoge, wie Du im Leben mit Ihm wareſt, und jenſeits, wo die unvergaͤnglichen Palmen des Friedens blühen, lohne Ihm Alles,

*) Als Adjudant des Herzogs Wellington wurde der Verklärte in der Schlacht von Waterloo verwundet. 3*