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Die ästhetischen Hauptlehren von Rutgers Marshall / von Georg Laufersweiler
Entstehung
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1. Negative Prinzipien. Jenes Schema, (vergl. Näheres S. 15 u. 16) enthielt:

a) Lust:

a) an der Tätigkeit selbst,

ß) mit dem Aufhören oder der Unterdrückung einer Tätigkeit verbunden, (also an der Ruhe);

b) Uulust:

a) an der Tätigkeit selbst,

ß) beim Ausbleiben einer Tätigkeit.

Marshalls Prinzip von der Vermeidung des Hässlichen fordert daher zunächst die Vermeidung der Unlust, die mit übermässig starker Tätigkeit entsteht. Diese Forderung deckt sich mit der Aristotelischen nach Einhaltung der richtigen Mitte zwischen den Extremen. Sie wird auf allen Gebieten der Kunst beobachtet. Der Künstler findet hier leicht Unterstützung bei dem Beschauer, der an und für sich die Aufmerksamkeit nicht zu lange auf ein Objekt richtet und meist automatisch die unlustvoll wirkende Fortdauer eines Reizes hindert. Von grösserer Bedeutung für die künstlerische Produktion ist das, was unser negatives Prinzip an zweiter Stelle verlangt: Das Ausschliessen der Unlust, die durch Unterdrückung einer Tätigkeit entsteht 1 ). Manchmal jedoch ist das Hervorrufen dieser Unlust für den Künstler geboten, da sich auf dem Boden der unterdrückten Tätigkeit eine besonders lustvolle erheben kann. So ist dem Komponisten das Hin­ausschieben der Auflösung eines Akkords, dem Dichter die verzögerte, oft heiss ersehnte Lösung der Verwickelungen seines Stückes gestattet. Die wichtigsten und häufig unlust­vollsten Erregungen entstehen da, wo gewisse Reize nicht in gewohnter Reihenfolge und Beziehung erscheinen. Sie treten z. B. in der getäuschten Erwartung hervor und bringen jedesmal einen unästhetisch wirkenden Schock zustande: Formen, Linien, Farben und Töne, an die wir von der Natur oder bekannten künstlerischen Werken her gewohnt sind, suchen wir an jedem neu geschauten Objekt in der

1) The ayoidance ofrepressive pains," vgl. I, S. 800ff,